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Eignungstests: Trügerische Objektivität gemischt mit ethisch-sozialer Ungerechtigkeit

Für Lehrstellenbewerbungen werden heute beinahe flächendeckend Resultate von Checks eingefordert. Deren Resultate sollen aufzeigen, ob der oder die angehende Lernende das Rüstzeug für diese Lehre mitbringt. Aus Sicht der Chancengerechtigkeit sind diese Checks höchst fraglich. 

Wer bessere finanzielle Ressourcen hat, kann sich die bessere Vorbereitung auf diese Checks kaufen. Daraus ist ein lukratives Geschäft entstanden, verlangen doch die Anbieter je nach Dienstleistung bis zu 2000 Franken pro Schülerin oder Schüler. Überdies weisen die Checks einen geringen Anteil der erlernten Kompetenzen nach. Sie fokussieren auf «objektiv» beurteilbare Faktoren, egal ob diese für den zu erlernenden Beruf zentral sind. 

Nehmen wir den Fall einer mir bekannten Schülerin, die sich für eine Lehre zur Fachfrau Gesundheit beworben hat. In diesem Beruf sind die persönlichen und sozialen Kompetenzen zentral. Dafür müssen die Jugendlichen mindestens zwei Praktika absolviert haben. Bestehen sie dann den Check nicht, haben die Referenzen aus den Praktika, die zweiseitige obligatorisch einzureichende Referenz der Klassenlehrperson und das Zeugnis der Volksschule keinen Einfluss auf die Vergabe der Lehrstelle. Damit sei die Sicherheit gegeben, dass die Jugendlichen die Lehre schaffen würden. Das lässt mich sprachlos zurück.

Headhunter für Lernende

Das Zeugnis hat dadurch immer weniger Gewicht bei der Auswahl von Lernenden und Referenzauskünfte von Lehrpersonen der Sekundarstufe I werden zunehmend seltener eingeholt. Die Schülerinnen und Schüler werden früher «rekrutiert», damit man sich die «guten», sprich fähigen, reservieren kann. Dass sich die Lehrbetriebe seit Neustem bei den Anbietern von Checks direkt Kontaktdaten von «gut passenden» Absolventinnen und Absolventen kaufen können, ist eine Entwicklung in die falsche Richtung. Diese Firmen etablieren sich so als «Headhunter» für die Unternehmen. Ist ein solcher Datenverkauf aus gesetzlicher und ethischer Sicht überhaupt zulässig? 

Die Entwicklung bereitet mir Sorgen und macht mich wütend. Tatsache ist nämlich, dass trotz dieser durch Checks gesteuerten Auswahl («geeignet» oder «nicht geeignet») ein erheblicher Teil der Schülerinnen und Schüler die Lehre schon nach wenigen Wochen abbricht und sich anders orientiert. Es gibt kaum eine wissenschaftliche Grundlage für die Verlässlichkeit der Checks. Sie sind offenbar nicht geeignet, die Eignung für einen Beruf vorauszusehen. Vielleicht würde ein Anruf bei der Lehrperson genügen, um zu wissen, was den Betrieb mit der Schülerin X oder dem Schüler Y erwartet, wo ihre Stärken oder wo seine Schwächen liegen und wie man diese gewinnbringend für beide Seiten kompensieren könnte.

Ein gerechtfertigter Aufwand?

Schülerinnen und Schüler betreiben einen grossen Aufwand, um in unserer Volksschule zu lernen, und setzen sich teilweise grossem Druck aus, um ihre Kompetenzen in Prüfungssituationen zu beweisen. Die Schule betreibt einen grossen Aufwand, Zeugnisse sorgfältig zu erstellen, damit sie einen möglichst guten Ein- und Überblick in die Leistungsfähigkeit einer Schülerin oder eines Schülers geben. Sie basieren nicht auf einer Tagesform, sondern bilden einen längeren Beobachtungszeitraum ab und nehmen Rücksicht auf die verschiedenen Entwicklungen und Ereignisse im Leben der Lernenden. Wenn nun aber das Zeugnis keinen Einfluss mehr hat, stellt sich die ketzerische Frage, ob dieser Aufwand überhaupt gerechtfertigt ist.

Meine Schülerin fand übrigens einen anderen Betrieb, der ihre persönlichen und sozialen Kompetenzen genauer unter die Lupe nahm und ihr schliesslich die Lehrstelle gerne gab. Sie steht heute vor einem sehr guten Lehrabschluss als Fachfrau Gesundheit. So viel zum Check.

Datum

03.11.2020

Autor
Samuel Zingg

Publikation
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