Standpunkte

Mehr Ressourcen für eine erfolgreiche Umsetzung der Schulischen Integration!

In den letzten beiden Jahren dominierte die Fremdsprachenfrage und der Lehrplan 21 die schulpolitische Agenda. Trotzdem blitzte da und dort eine Recherche oder ein Interview zum Thema Integration in den Medien auf. Bei genauerem Hinsehen war zu bemerken, dass sich dabei der Inhalt und der Ton verändert hat. War noch vor kurzem eine grosse Euphorie wahrzunehmen, bei der «Eine Schule für alle» proklamiert wurde, stellt sich nun langsam aber sicher Ernüchterung ein. Die Aussagen werden differenzierter, auf die wunden Punkte wird hingewiesen und plötzlich ist auch von vormals pauschalisierenden Expertinnen und Experten zu lesen, dass es halt schon schwierig sein könne und einige Kinder sich nur schwer integrieren liessen.

Aha! Seit einigen Jahren weisen wir darauf hin, dass besonders die verhaltensoriginellen Kinder oft den Schulalltag dermassen stören, dass kein geregelter Unterricht mehr durchführbar ist. Für diese Kinder reichen nämlich die in der Regel 3 Lektionen pro Woche Unterstützung durch eine SHP nicht aus. Auch sind die Platzverhältnisse oft sehr eng und die Klassengrösse unangepasst. Eine absurde Situation entsteht: Durch die Integration, die nicht gelingt, kommt es zu einer neuen Separation. Kinder, die früher in gemeindeeigenen Kleinklassen gut aufgehoben waren und optimal gefördert werden konnten, werden auf Kosten der Gemeinde in Privatschulen beschult, die genau dieses Gefäss, Lernen in Kleingruppen, anbieten. Ein Grund mehr, warum die Kosten für Sonderpädagogische Massnahmen trotz Integration nicht sinken, wie anfangs gehofft oder als Ziel deklariert wurde.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will nicht zurück hinter die Ziellinie. Ich möchte auch keine flächendeckende Wiedereinführung von Kleinklassen in allen Alterskategorien. Aber ich möchte, dass die Bedenken der amtierenden Lehrerschaft bei der Umsetzung der Schulischen Integration von Kindern in die Regelklasse endlich ernst genommen und die Schulen mit den nötigen Ressourcen ausgestattet werden. «Schule» ist ein hoch komplexes Gebilde, alle Einzelteile müssen sich perfekt ergänzen und miteinander im Gleichklang sein. Nur so kann der wichtige und richtige gesetzliche Auftrag der Integration gelingen. Nur wenn auf allen Ebenen, vom Bund bis ins einzelne Klassenzimmer, der Leistungsauftrag geklärt und erfüllt ist, kann Integration zum Wohle aller Kinder und Beteiligten sinnvoll umgesetzt werden.

Als Hilfe für die Beurteilung der Situation in einzelnen Kantonen, Regionen oder Gemeinden gibt es beim LCH neu die «Kriterien für eine Standortbestimmung für die Schulische Integration von Kinder und Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf». Detailliert wird aufgelistet, wer was auf welcher Ebene zu erfüllen hat. Einerseits für die Sonderschulung, aber insbesondere auch für die Kinder, die einen sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf haben. Der Kanton muss beispielsweise dafür sorgen, dass es genug ausgebildete Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen gibt und die Lehrmittel dem Anspruch nach einem differenzierenden Unterricht genügen. Die Politik muss endlich die Lehrpersonen mit Klassenlehrerfunktion im Rahmen ihres Berufsauftrages entlasten. Ihr Aufwand bezüglich Case-Management einzelner Schülerinnen und Schüler ist sukzessive gestiegen und sprengt längst das bisherige Pensum.

Ja, der Euphorie ist Ernüchterung gefolgt, und an vielen Orten werden nun Korrekturen vorgenommen. Das ist die gute Nachricht. Aber in der aktuellen Steuerpolitik vieler Kantone, die nun bei der Bildung einen massiven Qualitätsabbau vornehmen, heissen diese Korrekturen vor allem eines: Streichen von Ressourcen. Dies trifft die Umsetzung der Integration doppelt. Die ohnehin von Anfang an zu wenig eingestellten Gelder werden nun auch noch gekürzt! Ich erwarte, dass die Politik, die plakativ seit Jahren nach Integration schreit, uns die nötigen personellen, finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen zur Verfügung stellt, damit wir unseren Auftrag der Integration endlich für alle Beteiligten gewinnbringend umsetzen können.

Datum

22.12.2015

Autor
Marion Heidelberger

Publikation
Standpunkte