Standpunkte

Und schon stehen die nächsten Schulferien vor der Türe

Lehrerinnen und Lehrer haben viel Freizeit und alle zwei Monate wieder ein paar Wochen Ferien. Diesem Klischee pflichten wohl immer noch viele bei. Als Lehrerin oder Lehrer bekommt man von Nichtlehrern regelmässig zu hören: «Ach, ihr mit euren 13 Wochen Ferien!» Gemeint ist: Ihr Lehrpersonen habt einfach viel zu viele Ferien, und vor allem die Sommerferien sind viel zu lang!

Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich in solchen Situationen oft persönlich angegriffen und kontern mit Argumenten wie: «Fünfzigstundenwoche», «Korrekturarbeit mit Nachtschicht», «Elterngespräche und Vorbereiten am Wochenende» etc.

Und natürlich stimmt das auch! Wir Lehrpersonen müssen tatsächlich viel vorbereiten, bereitstellen, korrigieren, absprechen usw. Leider werden diese Erläuterungen beim Gegenüber oft als Versuch interpretiert, sich rechtfertigen zu müssen. Es scheint, als seien uns die Ferien peinlich. Dabei sind die Ferien so dermassen wichtig: Zum einen, um in den unterrichtsfreien Schulwochen weniger zu arbeiten, als in den voll beladenen; zum anderen, um wirklich Abstand von der Schule, den Schülerinnen und Schülern zu gewinnen und aufzutanken. Schade, dass uns oft nichts Besseres einfällt, als uns zu rechtfertigen. Stattdessen sollten wir allen, die uns die Ferien missgönnen, berichten, welche Vorzüge unser Beruf hat und mit welcher Motivation wir nach den Ferien wieder in den Schulalltag starten werden. Im Teamzimmer haben mir Kolleginnen berichtet, wie sie die Sommerferien verbracht haben. Hier zwei Beispiele:

  • Eine Lehrerin, die im August 2016 mit neuen Erstklässlern gestartet hat, meinte, dass sie erst in die Ferien fahren wollte und konnte, als ihr Schulzimmer für die neuen Kinder vorbereitet war. Sie brauchte eine ganze Woche, um das Material der bisherigen Klasse zu verräumen, die Nischen im Schulzimmer für die künftigen Erstklässler vorzubereiten und sämtliches Material für die neuen Kinder zu beschriften und bereitzustellen. In der zweiten Ferienwoche hat sie sich mit der Teamteaching-Kollegin getroffen, um die konkreten Inhalte der ersten Schulwochen zu planen und das Material für die Unterrichtslektionen zusammenzustellen. Die beiden Lehrerinnen arbeiten neu zusammen, so dass die künftige Zusammenarbeit einige Absprachen mehr verlangt hatte. Nach zwei Wochen Entspannung mit Freunden in einem Haus am Meer, war die letzte Sommerferienwoche wieder täglich verplant: Schulinterne Teamtage, in denen die Projekte der ersten Schulwochen vorbereitet und die gemeinsamen Räume wie Materialzimmer, Keller, Estrich etc. geräumt wurden. Am Wochenende vor Schulbeginn war Entspannung fast nicht mehr möglich, denn die Anspannung und Vorfreude auf die neue Klasse war gross. Der Schulstart mit neuen Erstklässlerinnen und Erstklässlern ist und bleibt ein besonderer Beginn!
  • Eine andere Kollegin aus dem Kindergarten berichtete, dass sie gleich am Wochenende nach Schulschluss in die Wanderferien verreist sei. Das mache sie nicht immer so, doch dieses Jahr hätte sie es besonders geschätzt, um gleich Abstand von der Kindergartenarbeit zu gewinnen. Besonders belastend habe sie einige schwierige Übertritts-Gespräche empfunden, die sich bis ins letzte Quartal hinein gezogen hätten. Sie meinte, dass es Wochen gab, in denen sie sehr schlecht geschlafen habe und ihr die belastenden Situationen immer wieder in den Sinn gekommen seien. Nach den aktiven Ferien seien die negativen Erinnerungen in den Hintergrund gerückt, sodass sie den frisch geputzten Kindergarten mit viel Freude und Energie für die neue Klasse herrichten konnte. Auch sie meinte, dass sie sich auf den Start mit der neuen Klasse gefreut habe. Die Auswahl des neuen Themas mit einer Leitfigur, die durch das Jahr führe, bereite ihr immer grosse Freude. Bei Themen, die zum wiederholten Mal umgesetzt werden, passe sie die bisherigen Ideen an und freue sich an den gelungenen Neuerungen. Sie meint, dass es zu Schuljahresbeginn besonders wichtig sei, gut erholt anzufangen, denn die ersten Kindergartenwochen seien emotional und körperlich besonders anstrengend. Zum Glück sei die Schulleitung vor Ort grosszügig, sodass die Teamteaching-Lektionen im ersten Quartal aufgestockt werden dürfen, indem jeweils bei Lektionen mit allen Kindern zwei Lehrpersonen anwesend seien.

Die beiden Berichte zeigen, dass es im Lehrberuf unterschiedliche Arbeitstypen gibt, so, wie in anderen Berufsgruppen wohl auch. Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen haben wir mehr Zeitfenster, die wir selber organisieren und gestalten können. Meine Praxiserfahrungen zeigen, dass es vielen Lehrpersonen schwer fällt, abzuschalten und Arbeit und Freizeit wirklich zu trennen. Es gehört zum Alltag der Lehrerinnen und Lehrer, die Ereignisse vom vergangenen Tag nachzubereiten, um am nächsten Tag mit geeigneten Unterrichtsmethoden und Inhalten zu reagieren. Diese Überlegungen nehmen viele von uns mit nach Hause, weil wir uns emotional beteiligen. Ich glaube, dass der Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler allen Lehrpersonen am Herzen liegt. Gelingt dies aus verschiedenen Gründen nicht, belastet dies sowohl die Lernenden und deren Eltern als auch die Lehrpersonen.

Das laufende LCH-Projekt «Gesundheit der Lehrpersonen» soll mittels Untersuchungen auf verschiedenen Ebenen Fakten zu den effektiven beruflichen Belastungen bringen. Es scheint, dass in weiten Kreisen der Politik und der Gesellschaft der Beruf der Lehrerinnen und Lehrer immer noch als ein Beruf mit viel Freizeit betrachtet wird. Vor allem die Politik ist aufgefordert, den diesbezüglichen Vorurteilen und Fehleinschätzungen entgegenzutreten. Die Ergebnisse des Projekts Gesundheit werden am Bildungstag 2017 präsentiert.

Datum

30.08.2016

Autor
Ruth Fritschi

Publikation
Standpunkte