Standpunkte

Nudging

Kürzlich ist mir in der deutschen «Die Zeit» ein mir bisher unbekannter Begriff begegnet und hat mein Interesse geweckt: Nudging. Die Suche im Duden über die Bedeutung des Wortes lieferte kein Ergebnis. Langenscheidts Wörterbuch half mir weiter: Das englische Wort «nudging» bedeutet auf Deutsch «das Schubsen».


Der Artikel in der «Zeit» beginnt mit den Fragen: «Darf der Staat seine Bürger dazu verführen, bessere Menschen zu werden? Mit Psycho-Tricks?» Als anschaulichstes und daher am häufigsten zitiertes Nudging-Beispiel wird die aufgemalte Ziel-Fliege im Pinkelbecken erwähnt. Gemäss «Die Zeit» hat die unterschwellige Verhaltensanleitung namens «Nudging» im angelsächsischen Raum bereits viele Freunde in den Staatskanzleien gefunden. Zahlreiche deutsche Politiker und Politikerinnen befassen sich mit dem Begriff; eine Arbeitsgruppe im Kanzleramt soll die Möglichkeiten der sozialen Optimierung ergründen. Ein hoher Politiker nennt Nudging «die Vorstufe zum Paternalismus» (Paternalismus = Bestreben [eines Staates], andere [Staaten] zu bevormunden, zu gängeln).


Sie fragen sich bestimmt, was das mit Schule und Bildung zu tun hat.
 Einiges! Wie oft begegnen wir Emoticons (z.B. Smiley) und Schildern, mit welchen Gefühle ausgedrückt werden oder mit welchen wir auf einen bestimmten Weg geleitet werden. Unser Verhalten wird durch Symbole und Zeichen gesteuert. Mit Smiley-Displays an Ortseingängen werden wir auf 50 Stundenkilometer abgebremst und beim Einhalten der Anweisung auch belohnt.


Bei Unterrichtsbesuchen entdecke ich immer wieder neue Kreationen von Zeichen, welche die Schülerinnen und Schüler an ein bestimmtes Verhalten erinnern oder ihnen zeigen, wie sie sich gerade verhalten sollen.


Die Sprache wird durch Bildzeichen ersetzt. Immer öfter. Falls die Zeichen unmissverständlich sind, ist dagegen eigentlich nichts einzuwenden. Es stellt sich bloss die Frage des Masses. Bei der Kommunikation mit Zeichen muss sich niemand über Klarheit, Ausdrucksweise und Rechtschreibung Gedanken machen. Sprechen und Schreiben erübrigen sich oder werden auf Kurzversionen reduziert. Eigentlich schade. Der Vorsitzende des deutschen Rechtschreibrats, Hans Zehetmair, hat kürzlich in einem Interview geschrieben: «Regelgerechte Rechtschreibung ist Teil einer Kultur der Höflichkeit.
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Lassen Sie sich von Bild und Sprache nudgen und schubsen Sie auch an. Verführen Sie die Schülerinnen und Schüler zu (noch) «besseren Menschen».

Datum

28.04.2015

Autor
Bruno Rupp

Publikation
Standpunkte