PISA
Tests

«PISA richtet Schaden an»

PISA-Tests schwächen die Bildung weltweit. Dieser Meinung sind 83 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in einem offenen Brief an Andreas Schleicher, internationaler Koordinator des PISA-Tests, vor den Folgen der standardisierten Tests warnen.

Führende Bildungswissenschaftlerinnen und –wissenschaftler aus aller Welt, die den offenen Brief an PISA-Koordinator Andreas Schleicher unterzeichnet und am 6. Mai 2014 der britischen Tageszeitung «The Guardian» zur Veröffentlichung freigegeben haben, sind sich einig: Der PISA-Test sei keine sinnvolle Beurteilungsmethode. Im Gegenteil: Das Bildungssystem der an Pisa beteiligten Staaten nehme Schaden. Es müssten andere Bewertungsmodalitäten gefunden werden. 

PISA beeinflusst Bildungspolitik
Die PISA-Tests hätten Entwicklungen in der Bildungslandschaft hervorgerufen, die besorgniserregend sind. Obschon wissenschaftlich belegt ist, dass Veränderungen in der Bildungslandschaft (Reformen etc.) meist Jahrzehnte dauern, habe PISA zu einer Verschiebung auf kurzfristige Veränderungen im Bildungsbereich geführt. Auch sei das Vertrauen in quantitative Massnahmen durch die standardisierten Tests stark gestiegen. Ebenfalls ein Dorn im Auge ist den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der eng abgesteckte Kompetenzbereich, den PISA in seinen Tests berücksichtigt. Weniger gut messbare Fähigkeiten und Fertigkeiten wie beispielsweise die physische, moralische, staatsbürgerliche und gestalterische Entwicklung würden so stark vernachlässigt. 

Wie legitimiert sich die OECD?
Vor dem Hintergrund der UNESCO- und UNICEF-Mandate, welche die Verbesserung der Bildung und Lebensumstände von Kindern zum Ziel haben, fragen die Unterzeichnenden zudem nach der Legitimation der wirtschaftlich orientierten OECD, ohne ein entsprechendes Mandat mit PISA eine derartige Machtstellung erworben zu haben. Die Legitimation wird auch deshalb in Zweifel gezogen, da die OECD für ihre Durchführung auf die Zusammenarbeit mit gewinnorientierten Unternehmen angewiesen sei. Dass die PISA-Experten der OECD den aufrichtigen Wunsch hätten, die Bildung zu verbessern, wird von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nicht angezweifelt. Der enge Fokus auf standardisierte Tests berge jedoch grosse Risiken: Die Tests schadeten den Kindern, weil sie die Freude am Lernen zerstören und das Stressniveau erhöhen würden. Zudem würde die Unterrichtsgestaltung und die Autonomie von Lehrpersonen in starkem Masse eingeschränkt.

Mehr Transparenz, mehr Kontrolle und eine Verlangsamung des Zyklus
Dass bisher meist Psychometriker, Statistiker und Ökonomen für die Messung des Lernerfolgs zuständig gewesen seien, mache sicherlich Sinn, so die Meinung der Unterzeichnenden. Um die Tests aber zu verbessern, müsste man auch Eltern, Erzieher, Verwalter, Studenten und Wissenschaftler der Disziplinen Anthropologie, Soziologie, Geschichte, Philosophie, Linguistik sowie der Kunst- und Geisteswissenschaften an den runden Tisch bitten. Welche direkten und indirekten Kosten für die Verwaltung von PISA entstehen, sollte den Mitgliedstaaten zudem transparent gemacht werden, damit abgeschätzt werden könne, ob die Beträge in Millionenhöhe auch weiterhin aufgebracht werden wollen. Weitere Massnahmen zur Verbesserung könnten nach Auffassung der Unterzeichnenden etwa die Einführung unabhängiger internationaler Überwachungsteams sein, welche die Tests von der Konzeption bis zur Ausführung begleiten und so für mehr Transparenz sorgen würden. Eine Verlangsamung des PiSA-Zyklus (momentan alle drei Jahre) könnte eine weitere Möglichkeit sein, um Druck abzubauen und mehr Zeit für die sorgfältige Durchführung von Veränderungen im Bildungssystem zu ermöglichen.  

Mit den Worten «Wir sind tief besorgt, dass mit dem engen PISA-Massstab der grossen Vielfalt an Bildungstraditionen und -kulturen ein nicht wieder gutzumachender Schaden sowohl für Schulen als auch für Schülerinnen wie Schüler entstehen könnte», schliesst der Brief. (bm)

Offener Brief im «The Guardian»
Wenn Sie mehr erfahren wollen, lesen Sie den offenen Brief im „The Guardian“ vom 6. Mai 2014
 

Datum

09.05.2014

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