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Rassismus in der Schule?

Der Tod des Afroamerikaners George Floyd, der in Minneapolis in den USA von einem Polizisten getötet wurde, rüttelt auch die Schweiz auf. Demonstrationen gegen Rassismus finden in verschiedenen Städten statt, Polizisten werden für «Racial Profiling» sensibilisiert und ein Traditionsunternehmen muss seine Süssspeise aus den Regalen der Grossverteiler nehmen.

Ich erinnere mich noch gut an meinen Viertklasslehrer, der die zwei Italienerkinder in unserer Klasse täglich mit Sprüchen wie «Hast du also auch heute zu viel Ibidumm zum Frühstück gegessen!», abservierte. Doch wie ist die Situation an den Schulen heute? Meine Recherche führte zu folgenden Ergebnissen:

Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern haben schlechte Karten

Ein Expertenbericht des Schweizerischen Wissenschaftsrats SWR aus dem Jahre 2018 zeigt in aller Deutlichkeit auf, dass die Schweiz im Vergleich zu anderen Ländern eine tiefe Bildungsmobilität hat. Das heisst, nur wenige Schülerinnen und Schüler, die aus einem Elternhaus mit geringer Bildung kommen, schaffen einen Hochschulabschluss. «Die Schweiz hat im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ein Bildungssystem, das durch ein hohes Ausmass an Chancenungleichheit geprägt ist», heisst es im Bericht. Der 15-köpfige Wissenschaftsrat berät den Bundesrat und gibt konkrete Empfehlungen an Bund, Kantone und Politiker ab, wie dieser Tatbestand verbessert werden könnte. Die Schweiz könne es sich schlicht nicht leisten, dem Thema interesselos gegenüberzustehen. Allerdings zeigt sich der SWR besorgt darüber, dass trotz klarer Datenlage die Problematik der sozialen Selektivität auf der politischen Ebene nach wie vor nicht in angemessenem Umfang wahrgenommen wird. Eine Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Geschlecht und sozialer Stellung verstosse zudem gegen die Grundsätze der Bundesverfassung. Auch deshalb ist der Rat der Auffassung, dass die Entscheidung über die Wahl des Bildungsweges bei den Individuen gemäss ihrer Leistungsfähigkeit liegen muss und nicht durch Strukturen des Bildungssystems vorbestimmt werden darf.

Ins gleiche Horn stösst eine PISA-Sonderstudie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus demselben Jahr. Diese stellt sogar fest, dass sich die Chancengerechtigkeit an Schweizer Schulen im vergangenen Jahrzehnt verschlechtert hat. Die Studie moniert, dass der Anteil resilienter Schulkinder abgenommen hat. Um dem entgegenzuwirken, seien Investitionen und Unterstützung für die Betroffenen ab dem frühen Kindesalter notwendig. Als resilient gelten Schülerinnen und Schüler, wenn sie trotz eines bildungsfernen oder sozial benachteiligten Elternhauses gute schulische Leistungen erbringen. Hauptfazit dieser Studie ist, dass diese Kinder und Jugendlichen vor allem dann gute schulische Leistungen erbringen, wenn sie an Schulen mit hoher sozialer Mischung unterrichtet werden und der Unterricht in einem geordneten Rahmen stattfindet.

Gleiche Leistung – schlechtere Noten

In einer experimentellen Studie konnten Forschende der Universität Mannheim zeigen, dass angehende Lehrpersonen schlechtere Diktat-Noten für Schüler und Schülerinnen mit ausländischem Namen vergeben, auch wenn die Anzahl von Fehlern in den Diktaten gleich war. Ausschlaggebend für die unterschiedliche Benotung war allein der Name der Schülerinnen und Schüler: Während die eine Gruppe ein Diktat von «Max» benotete, erhielt die andere Gruppe ein identisches Diktat, allerdings von «Murat». Die Anzahl der gefundenen Fehler war dabei gleich und doch leiteten die Beurteilenden daraus unterschiedliche Noten ab. Offensichtlich liegt das Problem also nicht in der Ermittlung der Fehler, sondern in der Notensetzung. Das Resultat dieser Studie aus dem Jahre 2018 könnte sich genauso in der Schweiz gezeigt haben.

Schweizer Lehrer diskriminieren Kinder mit Migrationshintergrund

Diesen Titel konnte man im Juli 2018 in der Aargauer Zeitung lesen. Eine Studie der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz zeigte auf, dass Lehrpersonen Kinder mit Migrationshintergrund diskriminieren, weil sie zu tiefe Erwartungen an ihre Leistungen stellen. «Die Förderung und Beurteilung von Kindern erfolgt leider nicht so neutral, wie sie sollte», konstatiert der zuständige Professor Markus Neuenschwander. Sowohl in Mathematik als auch in Deutsch lagen die Erwartungen massiv tiefer. Das Fatale ist, dass dies zu schwächeren Leistungen bei den Schülerinnen und Schülern führt. Dies bestätigt auch die grosse Studie von John Hattie. Die Lernenden geraten in einen Teufelskreis. Vorurteile werden bestätigt, und die Leistungsunterschiede zwischen Migranten und Nichtmigranten werden im Verlauf der Schulkarriere – unabhängig von ihrem effektiven Leistungspotenzial – immer grösser.

Arbeitsbüro und Schulzimmer sind häufigste Tatorte für Rassismus

Am häufigsten diskriminiert wurden Betroffene im Jahr 2018 am Arbeitsplatz und in der Schule. Dies zeigt der Bericht der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) und des Vereins humanrights.ch. Er deckt sich mit einer jüngst vom Bundesamt für Statistik (BFS) durchgeführten Erhebung. Es mag logisch erscheinen, dass dort, wo sich die Menschen tagsüber hauptsächlich aufhalten, nämlich eben in der Ausbildungsstätte oder dem Arbeitsplatz, sich auch am meisten Vorfälle ereignen. Auch muss angenommen werden, dass die Beschimpfungen und Benachteiligungen im Falle der Schule nicht nur von den Lehrpersonen, sondern sicher auch von den Kameradinnen und Kameraden ausgegangen sind. Nichtsdestotrotz muss festgestellt werden, dass die Schule ein Ort ist, wo Rassismus häufig vorkommt.

Fazit

Sicher gilt es auch klar zu betonen, dass sich die Lehrpersonen beherzt für den Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern einsetzen. So zeigt eine qualitative Interviewstudie von Markus Neuenschwander und Camille Mayland, FHNW, die positive Wirkung gezielter Unterstützung der Lehrperson auf den Bildungserfolg trotz Bildungsferne für die Betroffenen auf.

Doch sind die Ergebnisse meiner Recherchen auch ernüchternd. Sie bestätigen, dass Rassismus in der Schule immer noch vorkommen kann und akuter Handlungsbedarf besteht. Empfehlungen von Fachpersonen gibt es einige: Frühe Förderung, sozial durchmischte Klassen, Differenzsensibilität und Vorurteilsbewusstsein der pädagogischen Fachpersonen, späte Selektion und hohe Durchlässigkeit, Bewertung mittels Kompetenzrastern und Portfolio-Beurteilungen und anderes mehr könnten eine Verminderung der sekundären Herkunftseffekte bewirken.

Da die Schule ein soziokultureller und gesellschaftspolitischer Brenntiegel ist, sind auch alle Player aufgefordert, ihren Part zur Verbesserung dieser Situation zu erbringen: die zuständigen Stellen von Bund, Kantonen und Gemeinden, die Politikerinnen und Politiker, die Pädagogischen Hochschulen, die Schulleitungen, die Lehrpersonen, die Eltern und auch die Lernenden.

Datum

30.06.2020

Autor
Dorothee Miyoshi

Publikation
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