Geflüchtete Kinder
Qualität
Schulische Integration

Ukrainekrieg: Schulen müssen pragmatisch sein

Bei einem Onlineaustausch teilen Lehrpersonen erste Erfahrungen im Umgang mit geflüchteten ukrainischen Kindern. Onlineplattformen, Klassenassistenzen oder alltagsnaher Unterricht bewähren sich. Perfektion ist fehl am Platz.

Bei der Integration ukrainischer Schülerinnen und Schüler setzen viele Lehrpersonen auf alltagsnahen Unterricht. Bild: iStock/FatCamera

Zweieinhalb Monate nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine ist für viele Schulen in der Schweiz der Unterricht mit geflüchteten ukrainischen Schülerinnen und Schülern zum Alltag geworden – zu einem herausfordernden Alltag allerdings.

Aus diesem Grund organisierte Michael Kubli von der Allianz für Schulqualität profilQ einen moderierten Onlinetreff. Personen aus dem Bildungswesen tauschten sich über Erfahrungen, Probleme und mögliche Lösungen aus. In den Gesprächen mit den rund zwanzig Teilnehmenden zeigte sich schnell, dass es unterschiedlichste Situationen und Herangehensweisen gibt – und noch viel mehr offene Fragen.

Integrationsklasse versus Regelklasse

Kubli ist selbst Schulleiter an der Sekundarschule Kreuzlingen. Nach kurzer Zeit schon integrierte die Schule die Kinder und Jugendlichen wenigstens zum Teil in die Regelklasse. Der Deutschunterricht findet weiterhin separat statt und für ältere Jugendliche sind Zeiten eingeplant, wo sie auf einer ukrainischen Onlineplattform gemäss dem dortigen Lehrplan lernen können. Die Plattform erleichtert vieles. «Hier profitieren wir von der Struktur, die eigentlich für die Pandemie aufgebaut wurde», erläutert Kubli während des Forums.

In der Diskussion zeigt sich, dass andere Schulen genau umgekehrt vorgehen – und auch das funktioniert. Manche Schulen, die grössere Gruppen ukrainischer Kinder unterrichten, tun dies bis heute mit separaten Integrations- oder Willkommensklassen. Sie warten noch mit der Zuteilung der Kinder in Regelklassen. Schwierig sei die Situation im Appenzellischen, berichtet eine Lehrerin. In kleinen Dörfern würden so oder so selten fremdsprachige Schülerinnen und Schüler integriert, es fehle an Erfahrung und an genügend Personal.

Ansprüche runterschrauben

Im Gespräch stellt sich ebenfalls heraus: Gemeinsam ist allen der Pragmatismus, mit dem Schulen und Lehrpersonen versuchen, ihren Lehrauftrag zu erfüllen. Man müsse sich bei der Integration zum Beispiel vom Anspruch lösen, dass jede Schülerin und jeder Schüler sofort richtig eingestuft werden könne, sagt Kubli. «Wenn nötig passen wir die Einstufung später an.»

Die passende Einstufung bereitet vielen Mühe. Mehrere Stimmen berichten, dass es besser sei, wenn man die Kinder und Jugendlichen tiefer als in der Ukraine einstufe. Es gebe jedoch immer Ausnahmen, zum Beispiel bei jenen, die zu Hause zusätzlichen Privatunterricht besucht hätten. Olga Dzyana, in Kreuzlingen Übersetzerin und Klassenassistentin, erklärt sich die Schwierigkeiten in der Einstufung mit den unterschiedlichen Schulsystemen. «Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass selbstständiges Lernen in der Ukraine nicht so verbreitet ist», berichtet sie. Das erschwere zunächst den Übergang in Schweizer Schulen.

Zwischen Verstehen und Verständnis

Für den Unterricht kursieren unterdessen diverse Tipps und Materialien unter den Lehrpersonen. Dieser Austausch erweist sich als sehr wertvoll. Viele der Teilnehmenden berichten, dass sie mit einer ukrainischen Plattform arbeiten. Die hat jedoch auch Tücken: «Manche Schülerinnen oder Schüler sagen auf mein Nachhaken, wenn sie unbeschäftigt wirken, sie hätten keine weiteren Aufgaben. Ich kann das dann nicht überprüfen», erzählt eine Lehrerin und erhält umgehend den Tipp, einen Browser mit Übersetzungs-Tool zu verwenden.

Im Alltag spielt neben Organisation und Didaktik der zwischenmenschliche Faktor eine grosse Rolle. Als Übersetzerin vermittelt Dzyana viel zwischen Schule und Eltern, damit letztere Regeln besser verstehen. Das ist wichtig, wie Dzyana betont. Umgekehrt plädiert eine Lehrerin einer Integrationsklasse auch für Verständnis für die nicht immer vorhandene Kooperationsbereitschaft: «Sie sind nicht freiwillig hier. Viele wollen schnell wieder heim.»

Angesichts der aktuellen Entwicklungen ist es jedoch schwierig, auf eine baldige Heimkehr zu spekulieren. Bis dahin lautet der Grundtenor, auf alltagsnahen, pragmatischen Unterricht zu setzen – ohne Druck, aber mit der Absicht, für alle eine geschützte Lernumgebung zu schaffen.

Datum

13.05.2022

Autor
Patricia Dickson

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