Chancengleichheit
Digitalisierung
Frühförderung

Desinteresse der Politik darf nicht sein

In einer Onlineveranstaltung des Forums für Universität und Gesellschaft diskutierten Generationenforscherin Pasqualina Perrig-Chiello und Zentralpräsidentin LCH Dagmar Rösler über die Rolle der Familie und die Bedeutung der Frühförderung – und was der Staat für beide tun kann.

Bild: Forum für Universität und Gesellschaft

Unter dem Motto «Familie und Bildung im Zeitalter der Umbrüche» hatte das Forum für Universität und Gesellschaft der Universität Bern im Winter eine vierteilige Präsenz-Veranstaltungsreihe geplant. Coronabedingt wurde daraus ein verkürztes Format mit zwei Onlineveranstaltungen, wobei das Ziel dasselbe blieb: Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Praxis miteinander ins Gespräch bringen. Den Auftakt am Freitag, 4. Dezember 2020, machten unter der Moderation von Lisa Stalder die emeritierte Entwicklungspsychologin und Generationenforscherin Pasqualina Perrig-Chiello und Zentralpräsidentin LCH Dagmar Rösler.

Alte Rollenmuster halten sich hartnäckig 

Anhand von je drei Thesen stellten Perrig-Chiello und Rösler vor, inwiefern sich der Familien- und Schulalltag heutzutage im Ausnahmezustand befindet. Zunächst postulierte Perrig-Chiello, dass der demografische und der gesellschaftliche Wandel zu einer Pluralisierung, Diversifizierung und Dynamisierung der heutigen familialen Lebensformen geführt hätten. 80 Prozent der Kinder wachsen heute in der «klassischen» Familie auf, in der Vater und Mutter verheiratet sind.

Daneben gibt es aber auch Patchwork-, Regenbogen- oder Wahlfamilien. «Es ist extrem, was alles die Familie bewältigen muss und das in einem Umfeld, das ständig in Bewegung ist», betonte Perrig-Chiello. Im Familienideal sei diese Veränderung gleichwohl noch nicht angekommen: «Das alte Familienbild aus den 50er- und 60er-Jahren spielt immer noch eine gewichtige Rolle, obwohl das nur eine kurze Phase in der Geschichte der Menschheit gewesen ist.»

Mehr Privatisierung, weniger Interesse 

Zugleich nimmt aus Sicht der Generationenforscherin das politische und gesellschaftliche Interesse an der Familie ab, während im Gegenzug die Bildung zunehmend privatisiert werde. Dies zeige sich nicht nur an Indikatoren wie den im europäischen Vergleich unterdurchschnittlichen Sozialleistungen, sondern auch an der Verbreitung von Privatschulen und Förderkursen. «Je stärker die Privatisierung der Bildung überhandnimmt, desto weniger Interesse hat der Staat, in Bildung zu investieren», konstatierte Perrig-Chiello ernüchtert.

Zu guter Letzt seien deshalb Massnahmen auf gesellschaftlicher, politischer und familialer Ebene wie Anerkennung der Care-Arbeit notwendig. «Die Familie ist weder Auslaufmodell noch ist sie nur Privatangelegenheit, sondern sie steht an der Schnittstelle zwischen Privatheit und Öffentlichkeit» fasste Perrig-Chiello zusammen. 

Chancengerechtigkeit als Ziel 

Dagmar Rösler stört sich ebenso wie Perrig-Chiello daran, wenn die Kinder aus begüterten Familien in Privatschulen abwandern und die Volksschule damit zum Auffangbecken für Kinder aus bildungsfernen Familien wird. Da aber der Bildungserfolg immer noch viel zu stark von der sozialen Herkunft abhängig ist, forderte die Zentralpräsidentin LCH als Gegenmittel mehr Frühförderung. Gewisse sprachliche und soziale Defizite könnten bei Schuleintritt nicht mehr aufgefangen werden, daher müssten Kinder vorher unterstützt werden.

Dies verbessere die Chancengerechtigkeit. «Ich spreche bewusst von Chancengerechtigkeit, denn die Chancengleichheit werden wir nie hinbekommen», sagte Rösler. Sie verwies auf Studien, wonach der Lockdown im Frühling die Chancenungerechtigkeit zwischen Schülerinnen und Schülern verstärkt hat, ja, gar ein Teil von ihnen durchs Netz gefallen ist. «Dass die Politik auf diese besorgniserregenden Ergebnisse nicht reagiert und Familien aussen vor lässt, macht uns Sorgen», bekräftigte Rösler.

Vorteile und Grenzen der Digitalisierung 

Handkehrum hielt die Zentralpräsidentin LCH fest, dass die Schulen durch den Lockdown einen enormen Digitalisierungsschub erfahren haben. In vielen Schulen, die das bislang auf die lange Bank geschoben hätten, sei neue Infrastruktur bereitgestellt worden. «In Zukunft wird auch auf der Primarstufe die Verbindung zwischen digitalem und analogem Lernen, das sogenannte Blended Learning, im Zentrum stehen», ist Rösler überzeugt.

Für einen nachhaltigen Digitalisierungsschub wäre es zum einen wichtig, die Datensicherheit zu verbessern. Zum anderen müssten die Schule und die Ausbildungsstätten von Lehrpersonen darauf reagieren, dass in einer digitalen Bildungs- und Arbeitswelt die sozialen, emotionalen und kreativen Kompetenzen an Wert gewinnen. Haptische Erfahrungen, soziale Kontakte und direkte Beziehungen blieben zentrale Elemente für unser Wohlbefinden. «Videokonferenzen sind zwar eine gute Lösung, sie ersetzen aber nicht die reale Welt», unterstrich Rösler. «Der Lockdown hat gezeigt, wie wichtig und systemrelevant die Schule ist.»

Knapp den Kinderschuhen entwachsen 

In der Schlussdiskussion waren sich Rösler und Perrig-Chiello einig, dass das Desinteresse des Staats an Familie und Schule nicht so stehen gelassen werden dürfe. «Der Staat muss Verantwortung übernehmen und subsidiär eingreifen», betonte Perrig-Chiello. Rösler ergänzte, dass die Frühförderung zwar Fahrt aufnimmt, aber die Veränderungen sich erst in Generationen zeigten. Auf die Abschlussfrage von Lisa Stalder, ob die Schweiz hier in den Kinderschuhen oder in der Pubertät stecke, antwortete die Zentralpräsidentin schmunzelnd: «Ich sehe sie in der fünften und sechsten Klasse, wir haben noch anstrengende Jahre vor uns.»

Datum

07.12.2020

Autor
Maximiliano Wepfer

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