KOLUMNE

Faire Chancen müssen sein

Die Ergebnisse der PISA-Studie zeigen, wie sich der soziale Status auf schulische Leistung auswirkt. Benachteiligung liesse sich gemeinsam mit Wirtschaft und Politik beheben, schreibt Dorothee Miyoshi, Mitglied der Geschäftsleitung LCH. Letztlich würden auch diese von der Chancengerechtigkeit profitieren.

Dorothee Miyoshi, Mitglied der Geschäftsleitung LCH. Foto: Philipp Baer

Chancengerechtigkeit ist kein «nice to have», sondern ein «must have». Die Zeit des Kokettierens mit dem Begriff «Chancengerechtigkeit im Bildungswesen» ist endgültig vorbei. Die neusten PISA-Resultate zeigen erneut: Der Leistungsunterschied zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Schülerinnen und Schülern war noch nie so gross wie bei PISA 2022.

Missstände sind noch nicht behoben

Dieser Leistungsunterschied sollte nicht bestehen. Denn die Chancengerechtigkeit in der Bildung sind in den wichtigsten Strategiepapieren sowohl des Bundesrates wie auch der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) als prioritäre Ziele festgehalten. Zudem untersagt der Artikel 8 in der Bundesverfassung jegliche Art von Diskriminierung.
Offensichtlich sind die bisherigen Bemühungen nicht tauglich, um diesen seit Jahren kritisierten Missstand zu beheben.

Angesichts des grossen Fachkräftemangels wird nun auch die Wirtschaft auf das brachliegende Potenzial aufmerksam. Eine neue Studie zeigt auf, dass die Schweiz bei einem chancengerechteren Bildungssystem jährlich etwa 14‘000 Fachkräfte und bis zu knapp  30 Milliarden Franken gewinnen könnte.

«Schule und Wirtschaft könnten die Jugendlichen verstärkt begleiten.»

 

Es gibt Lösungen für mehr Chancengerechtigkeit

Diese neue Aufmerksamkeit und Sensibilität für das Thema lässt Hoffnung aufkommen. Ein konstruktives Zusammenwirken von Wirtschaft, Politik und Bildung könnte die notwendige Kehrtwende bewirken. Ein weiterer Lichtschimmer ist die seit letztem Herbst von der EDK eingesetzte  Kommission Bildungsgerechtigkeit .

Handlungsempfehlungen sind schon seit Langem etliche im Gespräch:

Unser Beurteilungssystem könnte sich weiter in Richtung Portfolio und verstärkter Feedbackkultur entwickeln. Die Wissenschaft weiss schon längst um die trügerische Objektivität unseres Notensystems, und die Wirtschaft bedient sich oft eigener Eignungstests. Die Selektion nach der 6. Klasse könnte neugestaltet und die Durchlässigkeit in den Leistungszügen der Sekundarstufe vergrössert werden.

Schule und Wirtschaft könnten näher zusammenrücken und die Jugendlichen verstärkt begleiten in der Schule, beim Übergang in den Beruf und während der Ausbildung. Die Berufsmaturität könnte aktiver gefördert werden.

Mit vereinten Kräften

Die erwähnten Handlungsempfehlung sind nur eine kleine Auswahl. Interessierte Personen finden beim Recherchieren leicht weitere fundierte Lösungsansätze, zum Beispiel  im Papier des Schweizerischen Wissenschaftsrats (2018).

Auch für den LCH ist ein chancengerechtes Bildungswesen ein wichtiges Ziel. Dieses ist im Positionspapier LCH «Chancen für alle» näher beschrieben. Lasst uns nun mit vereinten Kräften die wichtigen anstehenden Entwicklungsschritte hin zu einer besseren Bildungsgerechtigkeit in der Schweiz vornehmen.

 

Der «Standpunkt» ist eine monatliche Kolumne der Geschäftsleitungsmitglieder des LCH. Die Aussagen geben die persönliche Meinung der einzelnen Autorinnen und Autoren wieder.

Datum

17.01.2024

Autor
Dorothee Miyoshi

Publikation
Standpunkte