In mehreren Kantonen steht der Unterricht in einer zweiten Landessprache unter Druck. Kantonale Parlamente verlangen von ihren Regierungen, die zweite Landessprache – im Fokus steht das Französisch – vom Zyklus 2 (Primarstufe) auf den Zyklus 3 (Sekundarstufe I) zu verlegen. Der Bundesrat sieht damit die Sprachenstrategie gefährdet. Er will deshalb das Sprachengesetz ändern, um die zweite Landessprache in der Primarschule zu verankern. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) hat nun zu den zwei vorgelegten Varianten eine Vernehmlassungsantwort eingereicht.
Frühfranzösisch sei wichtig für den nationalen Zusammenhalt, argumentiert der Bundesrat in den beiden Varianten, die er ausgearbeitet hat. Der LCH teilt diese Ansicht. Der nationale Zusammenhalt und die Mehrsprachigkeit der Schweiz sind wichtige Anliegen. Der LCH stellt aber fest, dass der nationale Zusammenhalt mehr von der direkten Begegnung zwischen den Sprachregionen als nur vom Sprachunterricht in der Primarstufe abhängt. Abgestützt auf Umfragen unter seinen Mitgliedsorganisationen stellt der LCH in Frage, ob die Einführung zweier Fremdsprachen, Englisch und eine zweite Landessprache, in der Primarstufe zielführend sind. Der LCH spricht sich – allerdings mit Vorbehalt – für die zweite Variante aus.
Variante 1 hält an unrealistischen Erwartungen fest
Der LCH betont, dass es grundsätzlich um anschlussfähige Sprachkompetenzen gehe. Diese sollen das gegenseitige Verständnis der Sprachregionen vertiefen. Kantone sollen verschiedene Modelle umsetzen können, damit diese Sprachkompetenzen erfolgreich vermittelt werden können. Diese Forderung basiert auf der Kritik des LCH, dass seit zwei Jahrzehnten eine gravierende Diskrepanz zwischen den politisch vorgegebenen Zielen und der schulischen Realität bestehe. «Die vorgegebenen Ziele sind unter den bestehenden zeitlichen, personellen und strukturellen Voraussetzungen oft uneinlösbar.»
Neben dem Einführungstermin zweier Fremdsprachen in der Primarstufe (Zyklus 2) steht vor allem auch das Ziel gleichwertiger Kompetenzen in Englisch und der zweiten Landessprache in der Kritik. Der Anspruch auf gleichzeitige Vermittlung und das Erreichen «gleichwertiger Kompetenzen» in zwei Fremdsprachen, wie in Variante 1 vorsehen, gehe an den Erfahrungen aus der Schulpraxis vorbei, schreibt der LCH. «Englischlernen vielen Kinder leichter als Französisch», sagt Beat A. Schwendimann, pädagogischer Leiter LCH. Englisch sei mit Filmen, Videospielen und Musik oft näher an der Lebenswelt junger Menschen als die französische Sprache.
Variante 2 bietet Schulen mehr Gestaltungsraum
Die Variante 2 enthalte einen realistischeren Ansatz, betont der LCH. Diese sieht für die zweite Landessprache in der Primarschule mehr Flexibilität beim Startzeitpunkt vor und verzichtet auf die Forderung «gleichwertige Kompetenzen». Das gebe den Kantonen mehr Gestaltungsraum. Der LCH betont, dass die Unterstützung der Variante 2 ein staatspolitischer Kompromiss sei, abhängig von Anpassungen. Der Verband macht daher einen «ausdrücklichen Vorbehalt». Er verlangt die Anpassung der Zielformulierungen. In Bezug auf die Lernziele verlangt er, dass Jugendliche am Ende der obligatorischen Schulzeit nicht mehr über gleichwertige sondern über «nach Leistungsniveaus und Sprachen differenzierte, anschlussfähige Kompetenzen» verfügen sollen. Zudem brauche es verbindliche Massnahmen wie Halbklassenunterricht und Stärkung von Austauschprogrammen. Dabei müsse auch die Schulsprache gezielt gefördert werden.
Die Vernehmlassungsfrist zu den vorgeschlagenen Änderungen im Sprachengesetz läuft am 5. Oktober ab. Der Bundesrat muss als nächstes dem Parlament eine Vorlage unterbreiten, über die dieses dann befinden wird. Ob er dies tun wird, steht allerdings noch nicht fest. Es könnte zu einem Referendum und Volksabstimmung kommen. Die Diskussion um den Fremdsprachenunterricht hat noch einen langen Weg vor sich.
