Integrität
Religion
Schulische Integration

Verweigerung des Händeschüttelns

Zwei muslimische Sekundarschüler in Therwil BL weigerten sich über Monate, ihrer Lehrerin die Hand zu geben. Die Schulleitung fasste den Beschluss, die Jugendlichen generell vom Händeschütteln zu dispensieren. So entstehe zumindest keine Diskriminierung. Beat W. Zemp, Zentralpräsident LCH, kritisiert den Entscheid.

Das mediale und öffentliche Interesse ist jeweils gross, wenn die Gepflogenheiten im schulischen Unterricht aus religiösen Gründen nicht eingehalten werden können oder gar verweigert werden. Das war beim Kopftuch und Schwimmunterricht der Fall und ist es nun auch beim Händeschütteln.

Nachdem sich zwei muslimische Schüler der Sekundarschule in Therwil BL über mehrere Monate weigerten, ihrer Lehrerin die Hand zu schütteln, fällte die Schulleitung den Entscheid, die Schüler vollumfänglich vom Brauch, sich zur Begrüssung und Verabschiedung die Hand zu geben, zu dispensieren. Die Schulleitung sieht darin zwar eine pragmatische Lösung, ist aber dennoch nicht vollumfänglich zufrieden damit, wie sie gegenüber SRF Aktuell vom 4. April 2016 mitteilte. Sie habe deshalb den Kanton um Unterstützung gebeten. Dieser werde nun ein Gutachten erstellen, welches dazu dienen soll, für Schulen ein Grundlagenpapier zu verfassen.

«Sich die Hand geben, ist Teil unserer Kultur»
Die Kritik am Entscheid der Schulleitung ist gross und hat derart hohe Wellen geschlagen, dass sogar Bundesrätin Simonetta Sommaruga in der Sendung «10vor10» vom 4. April 2016 mit unmissverständlichen Worten Stellung bezog: «Dass sich ein Kind weigert, seiner Lehrperson die Hand zu geben, geht überhaupt nicht», kritisiert sie. Das habe auch nichts mit Religionsfreiheit zu tun. «Sich die Hand geben, ist Teil unserer Kultur.» – So stelle sie sich Integration nicht vor.

Auch Beat W. Zemp, Zentralpräsident LCH, kritisiert solche Ausnahmeregelungen an Schulen aus religiösen Gründen. «Es geht um ganz normale Umgangsformen zwischen zwei Menschen. Muslimische Schüler müssen lernen, dass es bei uns als respektlos gilt, wenn man einen Händedruck nicht erwidert», sagt er gegenüber SRF Aktuell. Wollen sich die Schüler gegenüber einer Frau respektvoll verhalten, dann müssen sie lernen, dass die Verweigerung des Händedrucks nicht zielführend ist und das Gegenteil bewirkt, ergänzt er.

Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH hat bereits 2008 das Positionspapier «Die öffentliche Schule und die Religionen» veröffentlicht. Es liefert unter anderem Antworten darauf, wie auf die besonderen Ansprüche gläubiger Kinder und Jugendlicher im schulischen Alltag umzugehen ist. Beat W. Zemp geht nicht davon aus, dass das Händeschütteln ähnlich grosse Dimensionen annehmen wird, wie der Schwimmunterricht oder das Kopftuch. Wenn doch, würde das Positionspapier angepasst werden. (bm)

Pressestimmen
Streit um Handschlag (SRF Aktuell, 04.04.2016)
Streitet man im Schulzimmer nur noch über Religion (Blick online, 04.04.2016)
Sommaruga: «Der Händedruck gehört zu unserer Kultur» (SRF 10vor10, 04.04.2016)