BILDUNGSFORSCHUNG

Wie Mint-Berufe für Frauen attraktiver werden

Bislang war unklar, warum Mädchen seltener technische oder naturwissenschaftliche Berufe wählen als Jungen. Beat A. Schwendimann, pädagogischer Leiter LCH, weist auf eine neue Studie und auf die wichtige Rolle der Lehrpersonen hin.

Noch immer wählen Frauen weniger Mint-Berufe als Männer. Die Bildung kann das ändern. Foto: iStock/MrVito

Mint ist ein Paradoxon. Während Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, kurz Mint, von weiten Teilen der Gesellschaft als unverzichtbare Motoren für Wohlstand und Innovation anerkannt werden, fehlt vielen der persönliche Bezug dazu. Dies spiegelt sich besonders in der Berufsbiografie von Frauen wider, die in Mint-Disziplinen nach wie vor stark unterrepräsentiert sind. 

Eine entscheidende Rolle spielen dabei kritische Übergangspunkte entlang des Bildungswegs. Solche stellen etwa die Studienwahl, der Berufseinstieg oder der Aufstieg in eine Führungsposition dar. Im Mint-Sektor scheiden talentierte Frauen an diesen Punkten überproportional häufig aus.

Problem ist die «Selbstselektion»

Erkenntnisse darüber, warum mathematisch begabte Frauen seltener Mint-Fächer wählen, liefert die 2025 mit dem Schweizer Preis für Bildungsforschung ausgezeichnete Studie von Benita Combet der Universität Zürich. Ihre Forschung korrigiert die verbreitete Annahme, dass mangelndes Talent oder die mathematische Komplexität an sich die grössten Hürden darstellen. 

Vielmehr zeigt Combet auf, dass eine spezifische Abneigung gegen Fachbereiche besteht, die Frauen als rein analytisch, technisch oder stark wettbewerbsorientiert wahrnehmen. Frauen entscheiden sich oft gegen so gelagerte Studienrichtungen und Berufe, weil darin ihre Präferenzen für kreatives Denken und soziale Interaktion zu kurz kommen. 

Diese «Selbstselektion» wird durch gesellschaftliche Geschlechterrollen verstärkt. Zudem werden Mint-Berufe fälschlicherweise als isolierte, rein systemorientierte Domänen dargestellt. Für die Studienwahl und die langfristige Karriereplanung spielen individuelle Lebensentwürfe eine Rolle: Frauen zeigen in Experimenten eine stärkere Präferenz für Berufsfelder, bei denen sich Familie und Erwerbsleben gut vereinbaren lassen. Mint-Berufe werden mit Eigenschaften assoziiert, die dem zuwiderlaufen, etwa extrem hohen Anforderungen, wenig Teamarbeit und einer schlechten Work-Life-Balance.

Um mehr qualifizierte Frauen für technische Karrieren zu gewinnen, müssen Bildungsinstitutionen und Unternehmen die einseitige Darstellung von Mint als rein logisch-abstraktes Feld überwinden.

 

Um die Mint-Förderung zu verbessern und den Berufseinstieg für Frauen attraktiver zu gestalten, schlägt Combet ein gezieltes Reframing vor. Um mehr qualifizierte Frauen für technische Karrieren zu gewinnen, müssen Bildungsinstitutionen und Unternehmen die einseitige Darstellung von Mint als rein logisch-abstraktes Feld überwinden. 

Sie sollen stattdessen aufzeigen, dass Berufe, wie zum Beispiel Ingenieurwesen oder Informatik, essenzielle soziale Komponenten wie Teamarbeit, die Lösung gesellschaftlicher Probleme und kreative Gestaltungsprozesse beinhalten. Nur wenn die Wahrnehmung des Fachs mit den vielfältigen Interessen und Werten junger Frauen in Einklang gebracht wird, lässt sich laut Combet die geschlechtsspezifische Segregation nachhaltig aufbrechen.

Mint als Entdeckungsreise

Eine wichtige Rolle spielen auch Lehrpersonen. Sie agieren als Katalysatoren, deren Haltung und didaktische Vielfalt massgeblich darüber entscheiden, ob Mint als faszinierende Entdeckungsreise oder als trockene Pflichtübung erlebt wird. Lehrpersonen können die Mint-Förderung unterstützen. 

Konkret sollen sie Aufgaben konsequent anwendungsorientiert gestalten und dabei insbesondere den gesellschaftlichen Nutzen von Technik hervorheben. Um die fachspezifische Selbstwirksamkeit von Mädchen gezielt zu stärken, sollten zudem unbewusste Vorurteile über die «männliche Begabung» für Mint-Fächer aktiv thematisiert werden. Auch vielfältige und nahbare Rollenvorbilder für Mädchen und Frauen sollten die Lehrpersonen sichtbar machen. 

Zur Person

Beat A. Schwendimann ist Leiter Pädagogik beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH). Auf LCH.ch schreibt er für die Rubrik Bildungsforschung über aktuelle Studien und darüber, was die Erkenntnisse für Schule und Bildung bedeuten.

Datum

11.03.2026

Autor
Beat A. Schwendimann

Publikation
LCH News

Themen