13.
August 2026

Bei der integrativen Schule sind Lehrpersonen tief gespalten

Erstmals zeigt eine repräsentative Studie, wie Lehrpersonen zur integrativen Schule stehen. Der LCH befragte dazu seine Mitglieder, über 10'000 gaben Antwort. Das Resultat ist zwiegespalten.

Foto: Marion Bernet

Immer wieder – und von verschiedenen Seiten – wird die integrative Schule für gescheitert erklärt: Das Leistungsniveau der Volksschule sinke, Lehrpersonen seien überlastet und zudem koste die Umsetzung zu viel. Was jene denken, die täglich damit zu tun haben, war bisher unbekannt. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) schliesst nun diese Lücke: An seiner Jahresmedienkonferenz vom 13. August präsentierte er die Ergebnisse einer breit angelegten Umfrage unter seinen Mitgliedern. Über 10'000 Lehrpersonen aus allen drei Zyklen der obligatorischen Schulzeit machten mit.

Die Präsentation der Ergebnisse stiess auf grosses Interesse. LCH-Präsidentin Dagmar Rösler konnte im Hotel Bern die Medienschaffenden begrüssen: «Die integrative Schule ist zum Zankapfel geworden», stellte Rösler fest. Die Verbandspräsidentin betonte aber auch, dass die Kritik auf wackeligem Fundament stehe. Diese «mit Halbwahrheiten und Anekdoten befeuerte Diskussion» könne man nun mit Fakten untermauern, sagte sie weiter.

Lehrpersonen sind gespalten

Durchgeführt wurde die Erhebung vom Meinungsforschungsinstitut GFS Bern. Projektleiter Urs Bieri sagte einleitend zur Präsentation der Resultate: Das Thema polarisiere nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch unter Lehrpersonen. «Bei der persönlichen Haltung zur Idee der integrativen Schule zeigt sich ein hochgradig gespaltenes Bild. Zustimmung und Skepsis halten sich ungefähr die Waage», sagte Bieri vor den Medien. Die integrative Schule wird gemäss den präsentierten Resultaten grundsätzlich eher als belastend empfunden. Auf einer Skala von 0 bis 10, also von einer grossen Belastung zu gar keiner Belastung, bewerten die Teilnehmenden die integrative Schule durchschnittlich mit einer 4,3. Die Idee der integrativen Schule werde im Alltag oft als schwer erfüllbar erlebt, erklärt Bieri.

«Ressourcen und Unterstützung sind keine Begleitfaktoren, sondern eigentliche Akzeptanzbedingungen für die integrative Schule.»

 

Dabei falle auf: Wer in einem unterstützenden Umfeld arbeitet, nimmt die integrative Schule eher positiv wahr. Dabei geht es beispielsweise um genügend heilpädagogischen Support oder andere personelle Unterstützung. «Ressourcen und Unterstützung sind keine Begleitfaktoren, sondern eigentliche Akzeptanzbedingungen für die integrative Schule.» Doch auch zeitnahe Diagnosen und individuelle Förderpläne sind wichtig.

Schlussbericht zur Studie, Medienmitteilung, Fotos sowie die Redetexte aller Referentinnen und Referenten: LCH.ch/Mediencorner/Medienmitteilungen 

Aus den Ergebnissen leitet GFS Bern sechs Thesen ab. 

  1. Die Haltung zur integrativen Schule ist grundlegend gespalten. Beinahe gleich viele Lehrpersonen begegnen ihr mit Zustimmung und Skepsis.
  2. Die Unterstützung für die integrative Schule ist stark an funktionierende Rahmenbedingungen gebunden. Die Akzeptanz ist fragil.
  3. Die strukturelle Integration ost weitgehend umgesetzt. Eine einheitliche Haltung unter den Lehrpersonen hat sich dazu aber noch nicht etabliert.
  4. Da das Schulsystem den Zielkonflikt integrativer Unterricht und genügend Ressourcen nicht löst, verlagert er sich ins Schulzimmer. Herausforderungen, welche die Bildungspolitik oder die Schulleitungen lösen sollten, bleiben an den Lehrpersonen hängen.
  5. Nicht alle sind davon gleichermassen betroffen. Am meisten belastet sind Klassenlehrpersonen und andere Fachpersonen wie schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen.
  6. Die integrative Schule tritt mit den aktuellen Diskussionen in eine neue Phase ein. Aktuell werde nicht mehr über deren Einführung diskutiert, sondern die Bedingungen, unter denen sie langfristig tragfähig bleibt. «Dies erfordert eine verstärkte Auseinandersetzung mit Qualität, Ressourcen und Umsetzbarkeit», so Bieri.

Was macht der LCH nun mit den Ergebnissen dieser Studie? Dagmar Rösler präsentierte fünf Lösungsvorschläge, welche  die integrative Schule langfristig tragfähig machen sollen (hier geht’s zum Kommentar von Dagmar Rösler)

Auch Schulgebäude im Fokus

Gemeinsam mit dem Westschweizer Lehrpersonenverband Syndicat des enseignant-es romand-es (SER) nutzte der LCH die gemeinsame Medienkonferenz zudem, um auf die notwendige Modernisierung von in die Jahre gekommenen Schulgebäuden aufmerksam zu machen. Denn in den Schulbau zu investieren, heisse auch in die Bildung zu investieren, sagte SER-Präsident David Rey. So fordern die beiden Verbände neben einer koordinierten Bestandsaufnahme der Schulimmobilien auch die systematische Berücksichtigung pädagogischer, klimatischer und energetischer Anforderungen in Architekturwettbewerben, die stärkere Einbindung der Nutzenden in die Gestaltung der Räume und den Schutz der Schulgebäude vor extremer Hitze.

Datum

13.08.2026

Autor
Alex Rudolf

Publikation
Veranstaltung LCH
Aus dem LCH