KOMMENTAR

Wichtige Stationen auf dem Berufsweg

LCH-Vizepräsident Christian Hugi über ein vermeintliches Provisorium, das ihn viel gelehrt hat.

Christian Hugi. Foto: Gion Pfander

Mein Berufseinstieg war kein ganz gradliniger Weg. Statt direkt eine eigene Klasse zu übernehmen, unterrichtete ich zwei Jahre lang als Stellvertreter, mal in der Stadt Zürich, mal in Agglomerationsgemeinden wie Oberglatt. Was zunächst wie ein Provisorium wirkte, wurde zu einer besonders wertvollen Phase meiner beruflichen Entwicklung. Denn ich lernte nicht nur, wie man unterrichtet, sondern vor allem, was für ein Unterricht und welche Art Schule mir am besten entspricht.

Die Stellvertretungen boten mir Einblicke in vielfältige Welten: Ich erlebte, wie verschieden Schulen geführt und gedacht werden, welche Dynamiken in Klassen herrschen und wie sich Quartiere oder Gemeinden in ihrer Zusammensetzung und in ihren Herausforderungen unterscheiden. Ich entdeckte, dass mir die Unterstufe gut lag, und fand heraus, welche Lehrmittel mich überzeugten und welche nicht. 

Auch in Fächern wie Englisch, Mathematik oder Gestalten sammelte ich konkrete Erfahrungen, die mir ermöglichten, meinen eigenen Stil zu entwickeln – und dass dieser manchmal auch von den Ideen in vorgegebenen Lehrmitteln abweicht und abweichen darf. 

Wie führe ich ein Bewerbungsgespräch? Eine Beraterin, eine Psychologin und ein Schulleiter geben Tipps, wie ein natürliches Gespräch entstehen kann: «Wie ein Interview zum Gespräch wird», bildungschweiz.ch

Besonders inspirierend war es, verschiedene Typen von Lehrpersonen kennenzulernen: Von manchen übernahm ich gezielt bestimmte Methoden, bei anderen lernte ich, was ich nicht tun wollte. Selbst scheinbar banale Dinge wie die Gestaltung von Schulräumen, Ämtli-Plänen oder Ritualen zeigten mir, wie vielfältig der Berufsalltag auch bei solchen Aspekten sein kann.

«Ich wusste, wenn ich Unterstützung brauche, bin ich hier nicht allein.»

 

Dass ich beim Berufseinstieg Mitglied des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands und damit auch des LCH wurde, war für mich selbstverständlich. Nicht aus Formalität, sondern beinahe als Auftrag: Wer den Beruf ernst nimmt, sollte auch dessen Mitgestaltung ernst nehmen – sei es durch eigenes Engagement oder die Vertretung durch den Verband. Ich wusste: Wenn ich Fragen habe oder Unterstützung brauche, bin ich hier nicht allein.

Und ja, die Stellvertretungen hatten praktische Vorteile: Sie ermöglichten mir, Geld zu verdienen, während ich meine Freude am Unterrichten entdeckte. Dass ich als Stellvertreter weniger Elternkontakte hatte, war eine willkommene Entlastung in der Anfangsphase. 

Rückblickend war es diese Vielfalt an Erfahrungen, die mir den Einstieg mit der ersten eigenen Klasse erleichterte. Mein Rat an Berufseinsteigende lautet: Nehmt euch Zeit für Stellvertretungen, wenn sich die Chance ergibt. Nicht als Puffer, sondern als bewusste Orientierungsphase. Denn es zählt nicht, wo man landet, sondern was man unterwegs gelernt hat – und die Stellvertretungen waren für mich eine der wichtigsten Stationen. 

Datum

08.10.2026

Autor
Christian Hugi

Publikation
Standpunkte

Themen