Berufliche Orientierung

«Oft fehlen zu Beginn der Berufswahl Rollenbilder»

Manfred Walther von der LCH-Fachkommission berufliche Orientierung begleitet Jugendliche, die im zehnten Schuljahr ihren Weg zu einer beruflichen Ausbildung suchen. Er erlebt bei ihnen, wie der Erwartungsdruck von aussen sie belastet und wie sie sich nach Orientierung sehnen.
 

Für junge Leute auf der Suche nach einen für sie passenden Beruf, sind Vorbilder wichtig. Foto: ZVG/BFF Kompetenz Bildung Bern

Kürzlich absolvierte Manfred Walther ein CAS zur beruflichen Orientierung an der pädagogischen Hochschule Bern. LCH.ch stellte im fünf Fragen zum Thema. Walther ist Mitglied der Fachkommission berufliche Orientierung des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), Klassenlehrer und Koordinator der beruflichen Orientierung in der Abteilung Brückenangebote, BFF Kompetenz Bildung Bern. 

Für Jugendliche im Brückenangebot ist das Berufsleben noch abstrakt und fern. Oder täuscht das?

MANFRED WALTHER: Für viele Jugendliche, die ein Brückenangebot beziehungsweise ein zehntes Schuljahr absolvieren, wirkt das Berufsleben tatsächlich noch abstrakt. Nicht, weil es ihnen egal wäre, sondern weil ihnen oft konkrete Erfahrungen, Rollenvorbilder und ein realistisches Bild von Arbeitswelten fehlen. Gleichzeitig spüren sie jedoch deutlich den Erwartungsdruck, eine Entscheidung zu treffen. Diese Spannung – zwischen Unklarheit und dem Wunsch nach Orientierung – prägt ihre Haltung. Sobald sie echte Einblicke etwa in einer Schnupperlehre erhalten, wird das Berufsleben schnell greifbarer und motivierender.

Was finden Sie besonders spannend oder herausfordernd bei der Unterstützung Jugendlicher, die sich auf diesem Weg befinden?

Besonders spannend ist, wie schnell Jugendliche sich entwickeln, wenn sie passende Impulse erhalten. Herausfordernd bleibt, ihre sehr unterschiedlichen Voraussetzungen, Unsicherheiten und Zukunftsbilder ernst zu nehmen. Gleichzeitig möchte ich ihnen Orientierung geben und sie nicht überfordern. 

Berufsorientierung ist weit mehr als Informationsvermittlung. Entscheidend ist Beziehungsarbeit.

 

Die Kunst liegt darin, Reflexion, Erkundung und Selbstwirksamkeit so zu verbinden, dass Jugendliche eigene Entscheidungen treffen können und sich ihre Vorstellungen, Selbstwahrnehmungen und Wünsche zunehmend einer für sie realistischen Anschlusslösung annähern.

Was möchten Sie künftigen Lehrpersonen in diesem Bereich mit auf den Weg geben?

Sie sollten mitbekommen, dass Berufsorientierung weit mehr ist als Informationsvermittlung. Entscheidend sind Beziehungsarbeit sowie die Fähigkeit, Lernende in ihrer Identitätsentwicklung zu begleiten und zu unterstützen. Wichtig ist zudem, dass man das Schweizer Berufsbildungssystem versteht. Man sollte Lernumgebungen kreieren, die Erkundung, Reflexion und praktische Erfahrungen ermöglichen. Berufsorientierung erfordert einen hohen Anteil Praxisbezug, nicht nur Methoden.

Sie haben berufsbegleitend eine Weiterbildung zum Thema gemacht. Was haben Sie dabei Neues erfahren und wie profitieren Sie und die Lernenden davon?

Die Weiterbildung hat mein Verständnis dafür geschärft, wie komplex Berufswahlprozesse sind. Es wurde mir noch einmal klarer, wie stark sie von Emotionen, Selbstkonzept und sozialen Faktoren wie Herkunft und Umfeld geprägt werden. Neu war für mich beispielsweise, wie wichtig kurze, gezielte Coachings sind, wenn danach gemeinsam gewonnene Erkenntnisse und Vorhaben strukturiert in einer Tabelle festgehalten werden. Davon profitieren Lernende unmittelbar: Sie erhalten klarere Orientierung, entwickeln mehr Selbstvertrauen und können ihre Interessen und Stärken differenzierter benennen.

Wenn Sie zurückschauen: Welche Rolle haben Lehrpersonen in Ihrer Berufswahl gespielt?

Lehrpersonen spielten für mich vor allem als Spiegel und Ermutiger eine Rolle. Weniger durch konkrete Berufsempfehlungen, sondern durch Fragen, die mich zum Nachdenken brachten. Wichtig war mir auch ihr Vertrauen in meine Fähigkeiten. Sie bestärkten mich darin, dass ich gut mit Menschen umgehen kann. Einzelne Lehrpersonen haben mir gezeigt, dass unterschiedliche Wege möglich sind, Unsicherheit normal ist und der Fokus auf eigene Stärken zentral bleibt. Diese Erfahrung prägt bis heute meine Haltung in der Begleitung Jugendlicher.

Datum

03.07.2026

Autor
(ca)

Publikation
LCH News