War das Ziel zu ambitioniert? 2006 formulierten der Bund, Vertretungen der Wirtschaft und die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) das 95-Prozent-Ziel. Demnach sollte dieser Anteil der Jugendlichen bis zum Alter von 25 Jahren einen formalen Abschluss der Sekundarstufe II erreichen – entweder eine abgeschlossene Berufslehre, Matura oder Fachmittelschulausweis. Das Ziel galt damals als Antwort auf die Lehrstellenkrise. Und wie sieht es heute, 20 Jahre später aus? Trotz zahlreicher Reformen stagniert die nationale Abschlussquote seit Jahren bei rund 90 Prozent und ist aktuell sogar leicht rückläufig.
Vergleicht man die Abschlussquote von Jugendlichen, die in der Schweiz geboren sind, mit jenen aus dem Ausland zugezogenen, wird die Diskrepanz noch grösser. Von ersteren erlangen 92 Prozent einen entsprechenden Abschluss, während es bei Letzteren nur 80 Prozent sind. Sieht so Bildungsgerechtigkeit aus?
Frühe Unterstützung und Sprachförderung
Die Ursachen für das Nichterreichen sind komplex. Neben dem Migrationshintergrund prägt die soziale Herkunft die Bildungschancen massiv. Zudem manifestieren sich schulische Schwierigkeiten oft früh. So trägt ein Kind, das schon in der ersten Klasse nicht mithalten kann, ein signifikant höheres Risiko für einen späteren Schul- oder Lehrabbruch.
Der LCH fordert daher einen dezidierten Ausbau der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung (siehe Positionspapier) und eine chancengerechtere Gestaltung der Selektion (siehe Positionspapier). Eine zentrale Voraussetzung ist die Bildungssprache. Die Sprachförderung muss bereits vor dem Kindergarteneintritt ansetzen und über alle Schulstufen und Fächer hinweg sichergestellt werden.
Weniger Lehrabbrüche
Erfolgreiche Bildungsverläufe bedingen zudem optimierte Übergänge. Eine frühzeitige Orientierung ab der Primarstufe unterstützt Schülerinnen und Schüler sowie deren Eltern dabei, Stereotype abzubauen und realistische Perspektiven für die Schul- und Berufsziele zu entwickeln. Die Stärkung der Berufswahlkompetenz ist essenziell, um Lehrabbrüche zu minimieren. Zudem braucht eine gezielte Unterstützung Abbruchgefährdeter Jugendlicher.
Die Schule allein darf nicht als Reparaturwerkstatt für gesellschaftliche Probleme fungieren. So ist die Erreichung des 95-Prozent-Ziels eine Verbundaufgabe. Nur wenn Politik, Wirtschaft und Schulen diese Verantwortung gemeinsam tragen und die notwendigen Ressourcen bereitstellen, kann das Ziel der Bildungsgerechtigkeit in greifbare Nähe rücken.
