Kommentar

Mit dem Bildungsbericht allein ist noch nichts gewonnen

Das Zusammentragen von Daten ist erst der Anfang eines Bildungsmonitorings. LCH-Geschäftsleitungsmitglied Beat A. Schwendimann betont, Analyse und Evaluation seien ebenso wichtig – etwa zu den Spätfolgen des Lehrpersonenmangels. 

Beat A. Schwendimann, Mitglied der LCH-Geschäftsleitung und Leiter der Fachstelle Pädagogik. Foto: Gion Pfander

Seit zwei Jahrzehnten liefert der Bildungsbericht alle vier Jahre eine umfangreiche Bestandsaufnahme unseres Bildungssystems. Für den Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) ist ein solches Bildungsmonitoring unverzichtbar und eine Voraussetzung für gezielte Verbesserungen. Daten allein bewirken aber noch nichts. Aus ihnen müssen wir Schlüsse ziehen, die in eine evidenzbasierte Bildungspolitik einfliessen.

Mehr zum Bildungsbericht lesen Sie im Artikel «Dieselbe Leistung schlechter bewertet».

Ein wirksames Bildungsmonitoring durchläuft mehrere Phasen: Auf die Feststellung des Istzustandes folgt die Ursachenanalyse. Danach werden Massnahmen definiert und umgesetzt. Den Abschluss bildet eine systematische Wirkungskontrolle. Idealerweise bilden diese Phasen einen geschlossenen Qualitätskreislauf. Tatsächlich endet das Monitoring oftmals nach der zweiten Phase. Das ist ernüchternd. Wir besitzen viele Daten zu den vorhandenen Problemfeldern. Es mangelt jedoch an einer systematischen Wirkungsanalyse. Wir wissen darum nicht, ob Reformen im Bildungsbereich ihre angestrebten Ziele tatsächlich erreichen.

Reformen dürfen nicht bei der Lancierung stehen bleiben.

 

Ein Beispiel für diesen unvollständigen Kreislauf ist die Qualifikation der Lehrpersonen. Infolge des akuten Personalnotstands der letzten Jahre unterrichten derzeit zu viele Personen ohne pädagogische Ausbildung. Die demografische Entwicklung bietet hier eine historische Chance: Laut den Szenarien des Bundesamtes für Statistik wird die Zahl der Schülerinnen und Schüler auf der Primarstufe bis 2034 voraussichtlich um sieben Prozent sinken. Dieses Zeitfenster gilt es zu nutzen. Die Bildungspolitik muss nun von der Krisenbewältigung zur Qualitätsentwicklung übergehen. In den Kantonen Bern und Aargau fordern von den kantonalen Sektionen des LCH lancierte Volksinitiativen aktuell die Verankerung der Bildungsqualität in der Verfassung. Der LCH setzt sich mit ihnen dafür ein, dass die Qualifizierung der Lehrpersonen hohe Priorität erhält. Nur eine Schule mit hoch qualifiziertem Personal kann den künftigen Anforderungen gerecht werden.

Die Bildungspolitik ist nun gefordert, den Qualitätskreislauf konsequent zu schliessen. Reformen dürfen nicht bei der Lancierung stehen bleiben. Jede Reform muss auch ehrlich evaluiert werden. Nur die systematische Nutzung von Erkenntnissen aus der Wirkungsanalyse ermöglicht eine langfristige und zielgerichtete Weiterentwicklung des Systems. Der Bildungsbericht bildet hierfür das notwendige Fundament. Die Bildungsverantwortlichen müssen jetzt darauf aufbauen und die vorliegenden Daten in wirksame Steuerungsmassnahmen überführen. Einzig eine Politik, die Erkenntnisse aus der Wirkungsanalyse mutig anwendet, sichert die langfristige Qualität des Schweizer Bildungswesens.

Der «Standpunkt» ist eine Kolumne der Geschäftsleitungsmitglieder des LCH. Die Aussagen geben die persönliche Meinung der einzelnen Autorinnen und Autoren wieder.

Datum

30.04.2026

Autor
Beat A. Schwendimann

Publikation
Standpunkte

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