Die Kurven zeigen zaghaft nach unten, die Prognosen klingen vorsichtig optimistisch: Der akute Lehrpersonenmangel beginnt sich zu entspannen, zumindest auf dem Papier. Die sinkende Anzahl Schülerinnen und Schüler verspricht ab 2027 eine gewisse Entlastung, vor allem auf der Primarstufe. Doch wer daraus den Schluss zieht, dass sich die Lage in den Schulzimmern bereits verbessert hat, irrt. Denn zwischen Statistik und Alltag klafft weiterhin eine spürbare Lücke.
Viele Lehrpersonen erleben ihren Berufsalltag nach wie vor als Ausnahmezustand. Klassen werden mit Zusatzlektionen aufgefangen, Teilzeitpensen kurzfristig erhöht, Zusatzfunktionen verteilt. Parallel dazu wächst die administrative Last: Dokumentationen, Förderberichte, Elterngespräche, digitale Plattformen – all das summiert sich zu Arbeit, die oft ausserhalb der Unterrichtszeit geleistet wird. Die eigentliche Kernaufgabe, das Unterrichten, gerät dabei zunehmend unter Druck.
Es braucht ehrliche Priorisierung
Besonders prekär bleibt die Situation bei den schulischen Heilpädagoginnen und Heilpädagogen. Ihr Fachwissen ist gefragter denn je, die Ressourcen jedoch knapp. Inklusion ist politisch gewollt und pädagogisch sinnvoll – doch ohne genügend Fachpersonen droht sie zur Überforderung für alle Beteiligten zu werden: für Lehrpersonen, für Schülerinnen und Schüler und letztlich auch für die Eltern.
Nicht jede administrative Aufgabe ist zwingend notwendig.
Wie also kann die Last verringert werden? Zunächst braucht es eine ehrliche Priorisierung. Nicht jede administrative Aufgabe ist zwingend notwendig. Schulen und Behörden sind gefordert, Prozesse zu vereinfachen und Vertrauen zurückzugeben: weniger Kontrolle, mehr Handlungsspielraum. Zweitens braucht es gezielte Entlastungssysteme. Administrative Assistenzstellen oder spezialisierte Unterstützungspools könnten Lehrpersonen spürbar entlasten. Drittens muss die Attraktivität des Berufs weiter gestärkt werden – nicht nur durch Lohnfragen, sondern durch verlässliche Arbeitsbedingungen wie kleinere Klassen, echte Entwicklungsmöglichkeiten und genügend Zeit für das Kerngeschäft.
Einmalige Chance für das Bildungssystem
Und schliesslich darf die Diskussion nicht nur auf Zahlen reduziert werden. Eine «Entspannung» ergibt erst dann Sinn, wenn sie im Klassenzimmer spürbar wird. Wenn Lehrpersonen wieder mehr Energie für ihre Schülerinnen und Schüler haben, statt ihre Kräfte in der Organisation des Alltags zu verlieren.
Die Statistik mag Hoffnung machen – doch entscheidend ist, was im Schulzimmer ankommt. Dort wird sich zeigen, ob aus der prognostizierten Entlastung tatsächlich eine spürbare Verbesserung wird. Der Rückgang der Schülerinnen und Schüler ist eine einmalige Chance für das Bildungssystem. Denn nun könnte man bei gleichbleibenden Ressourcen mehr Ressourcen pro Schüler ausgeben und so das System und die Lehrpersonen entlasten. Bis dahin bleibt die Herausforderung bestehen: gute Schule braucht vor allem eines – genügend Zeit und gut ausgebildete Lehrpersonen.
