Seit einiger Zeit erleben wir in bildungspolitischen Debatten einen Trend zur Rückbesinnung. So fordern einige Kantonsparlamente und politische Akteure etwa einen verstärkten Einsatz von Ziffernnoten, oft getragen vom Wunsch nach Leistungstransparenz und Vergleichbarkeit.
Allerdings hat sich an der empirischen Ausgangslage nichts verändert. Mit Blick etwa auf die Metaanalyse von John Hattie, der erst kürzlich für mehrere Vorträge in der Schweiz weilte, wird deutlich: Es sind nicht Noten, die Lernen erfolgreich machen. Gemäss Hatties Studien haben Noten als isoliertes Instrument nur einen geringen Einfluss auf den Lernzuwachs. Sie bleiben weit hinter den Massnahmen zurück, die Schule wirklich exzellent machen. So wissen wir aus der Forschung, dass der Schlüssel zum Erfolg vielmehr in guter Selbsteinschätzung, gezieltem und differenziertem Feedback sowie in der Beziehung zwischen Lehrperson und Schülerin oder Schüler liegt.
Erziehen wir Kinder dazu, nur für den nächsten Vierer oder Sechser zu lernen, riskieren wir, dass sie das Verständnis für ihre eigenen Lernfortschritte verlieren.
Besonders die Fähigkeit der Lernenden, ihre eigene Leistung präzise einzuschätzen, fällt stark ins Gewicht, wenn es um Lernerfolg geht. Eine reine Abfrage und Benotungskultur hingegen untergräbt dieses Selbstverständnis. Erziehen wir Kinder dazu, nur für den nächsten Vierer oder Sechser zu lernen, riskieren wir, dass sie das Verständnis für ihre eigenen Lernfortschritte verlieren.
Schule muss lebenswerter Lernort sein
Das Problem ist dabei nicht die Note per se, sondern ihre Wirkung auf den Lernprozess: Sobald eine Note auf einer Arbeit steht, wird jede noch so pädagogisch wertvolle Rückmeldung geschmälert. Schülerinnen und Schüler fixieren sich auf das Urteil, statt sich konstruktiv mit eigenen Kompetenzen und Kompetenzlücken auseinanderzusetzen.
Die Politik fordert mehr Noten als Instrument der Selektion und Ordnung. Dies mag dem Bedürfnis nach einfacher Struktur entsprechen, pädagogisch greift sie jedoch zu kurz. Wir brauchen keine Rückkehr zu einem eindimensionalen Notensystem, sondern eine Entwicklung hin zu einer Schule, die von den Lernenden als lebenswerter Lernort geschätzt wird. Einer, wo Selbstwirksamkeit ins Zentrum gerückt wird und der von einer differenzierten Rückmeldekultur geprägt ist. Noten mögen administrative Zwecke erfüllen, doch sie erzeugen kaum Lernerfolg und sollten daher keine dominante Rolle im Schulalltag spielen.
Wie kann die Politik den Schulerfolg nachhaltig sichern? Sie sollte Bedingungen schaffen, die Lehrpersonen dabei helfen, die Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler zu stärken. Auch sollte der Fokus auf die Lehr-Lern-Beziehung gelegt werden und darauf, wie hochwirksame, qualitative Rückmeldeformen etabliert werden.
