Artikel

Drei Vorstösse zum Kindergarten

02.02.2018 – Am 15. Januar 2018 haben fünf Zürcher Kantonsrätinnen und -räte drei Vorstösse zur Situation im Kindergarten eingereicht. Weshalb kleinere Klassen, mehr Klassenassistenzen und 100-Prozent-Pensen im Kindergarten wichtig sind, erklärt Ruth Fritschi, Mitglied der Geschäftsleitung LCH und Präsidentin der Stufenkommission 4bis8, im Interview.

Ruth Fritschi, in verschiedenen Kantonen klagen Kindergartenlehrpersonen, weil sie als Lehrperson einer Klasse auf der Stufe Kindergarten kein 100-Prozent-Pensum erreichen. Was konkret steckt hinter der Zürcher Motion «100%-Stellen auch für Kindergartenlehrpersonen» und was fordert sie?
Die Ausgangslage für die Klagen unterscheidet sich von Kanton zu Kanton. Im Kanton Zürich wurde mit der Umsetzung des neuen Berufsauftrages das Pensum der Lehrpersonen im Kindergarten mit 88 Prozent berechnet, weil die Unterrichtszeit der Kinder 24 Lektionen beträgt. Diese Berechnung berücksichtigt nicht, dass Kindergartenlehrpersonen ebenfalls eine ganze Klasse führen, die Elternarbeit für eine ganze Klasse bewältigen und sich als vollwertiges Teammitglied einer Schuleinheit an der Arbeit in der Schule beteiligen.
Die Motion im Kanton Zürich fordert ein neues Berechnungsmodell und bezieht sich dabei auf den Aargau. In diesem Kanton werden den Kindergartenlehrpersonen zusätzlich zu den 22 Lektionen Unterrichtszeit fünf weitere, ungebundene Lektionen, zum Beispiel für Empfangs- und Verabschiedungszeit, plus eine Lektion Aufwand für die Klassenführung angerechnet. Mit diesem Berechnungsmodell kommen die Lehrpersonen im Kindergarten auf ein Pensum von 28 Lektionen, was einem 100-Prozent-Pensum entspricht wie in der Primarschule.

In vielen Teilen der Schweiz ist es üblich, dass die Lehrpersonen der ersten Schuljahre durch weitere Personen unterstützt werden. Welches sind die Gründe für die Forderung der parlamentarischen Initiative «Personelle Unterstützung für Kindergärten mit immer jüngeren Kindern», wonach im ersten Semester eine Klassenassistenz jeden Vormittag die Kindergartenlehrperson unterstützen soll?
Der harmonisierte Schuleintritt sieht vor, dass die Kinder mit dem vollendeten 4. Altersjahr (Stichtag 31. Juli) in den Kindergarten eingeschult werden. In den Kantonen, die dem HarmoS-Konkordat beigetreten sind, wurde dieser frühere Eintritt in die erste Stufe der Volksschule umgesetzt. Mit der Vorverlegung des Schuleintrittsalters wird schweizweit davon gesprochen, dass die jüngeren Kinder weniger Selbständigkeit und weniger emotionale und soziale Kompetenzen mitbringen.
Als erfahrene Lehrperson im Kindergarten und als Schulische Heilpädagogin stelle ich fest, dass nicht in jedem Fall der Stichtag entscheidend ist. Die Beobachtungen in der Praxis zeigen dennoch, dass tatsächlich viele Kinder in den Kindergarten eintreten, die ihr Tun und Handeln noch wenig gezielt steuern können. Im Umgang mit anderen Kindern reagieren sie noch impulsiv und bringen fast keine Frustrationstoleranz mit. Es scheint, dass die beschriebenen Kinder zu Hause weniger Erfahrungen sammeln können und dürfen. Diese Beobachtungen werden auch von den Ergebnissen der Umfrage gestützt, die der Verband Kindergarten VKZ und der Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverband ZLV im Herbst 2017 durchgeführt haben. Um die Situation aufzufangen und die Kinder bei diesen neuen Herausforderungen qualitativ gut zu begleiten, braucht es tatsächlich mehr personelle Unterstützung im Kindergarten, wie es auch der VKZ und ZLV in ihrer Medienmitteilung vom 2. Februar 2018 fordern.

Der Zürcher Regierungsrat soll gemäss Postulat «Weniger Druck im Kindergarten» prüfen, wie er die durchschnittliche Klassengrösse im Kindergarten von 19,6 auf 18,5 über die nächsten drei Jahre senken kann. Diese Senkung scheint nicht viel auszumachen, ist sie überhaupt notwendig?
Meine Erfahrungen zeigen, dass eine hohe durchschnittliche Klassengrösse das Belastungsempfinden einer Lehrperson stark beeinflusst. Mit einer kleineren Klassengrösse nimmt unter Umständen die Belastung bei der Elternarbeit und bei der Betreuung der Kinder ab. In den meisten Kantonen führt dies jedoch dazu, dass der Berechnungsfaktor für die zusätzliche personelle Unterstützung kleiner wird.

Interview: Maximiliano Wepfer

Weitere Informationen
Motion «100% Stellen auch für Kindergartenlehrpersonen»
Parlamentarische Initiative «Personelle Unterstützung für Kindergärten mit immer jüngeren Kindern»
Postulat «Weniger Druck im Kindergarten»
Medienmitteilung des Verbands Kindergarten VKZ und des Zürcher Lehrerinnen- und Lehrerverbands ZLV vom 2. Februar 2018: «Schulstart mit ungleichen Chancen – Kinder in Gemeinden mit Assistenzen klar im Vorteil»
Artikel im Zürcher Oberländer vom 3. Februar 2018: «Wird heute gespart, rächt sich das in Zukunft» (PDF 659 KB)



top


# #