«Standpunkt»

Die Kolumne der GL

«Standpunkt» – die Kolumne der GL – ist ein neues Kommunikationsgefäss der Geschäftsleitungsmitglieder des LCH. Pro Monat schreibt eines der Mitglieder einen persönlichen Beitrag zu einem aktuellen Geschäft oder brisanten Thema der Bildungslandschaft. Dabei nehmen die Beiträge die aktuellen Ereignisse und Entwicklungen aus dem beruflichen Umfeld der Autorin/des Autors auf. Erfahren Sie mehr über die persönlichen Sichtweisen und Einschätzungen der GL-Mitglieder! 

«Wiener»-Konferenz: Wenn politische Rituale zum Drama werden (Beat W. Zemp, 7.2.2017)

«Wiener»-Konferenz: Wenn politische Rituale zum Drama werden (Beat W. Zemp, 7.2.2017)

Die drei Lehrerdachverbände aus Deutschland, Österreich und der Schweiz treffen sich jährlich zu einer trinationalen D-A-CH-Konferenz. Dabei tauschen sie jeweils ihre Erfahrungen und Positionen zu gemeinsamen und aktuellen bildungspolitischen Themen aus. Ende Januar fand dieses trinationale Treffen auf Einladung unserer österreichischen Kollegen just am Tag der Amtseinsetzung des neuen Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen statt. Es gehört zum Ritual dieser «Angeloben», dass die gesamte Regierung ihren Rücktritt jeweils dem neuen Bundespräsidenten anbietet, der dann ebenfalls gemäss Ritual den Rücktritt ablehnt und die Regierung damit beauftragt, weiter zu regieren.

Doch diesmal wurde aus dem Ritual ein Drama und wir bekamen als Gäste der «Wiener-Konferenz» einen authentischen Einblick in die österreichische Politik – aus erster Hand von Aussenminister Sebastian Kurz. Das Foto zeigt die Mitglieder der Wiener D-A-CH-Konferenz mit dem noch jungen Aussenminister in der Mitte, der es sich nicht nehmen liess, an diesem turbulenten Tag das lange vorher vereinbarte Treffen mit den Lehrerverbänden im Pressezentrum des Aussenministeriums abzuhalten. Als zuständiger Minister für die Integration informierte er uns unter anderem über die vorgesehene Erhöhung der Bundesbeiträge für die Integration von Flüchtlingskindern. Dass diese Thematik für den Fortbestand der Regierungskoalition zum Prüfstein wurde, konnten wir dann live miterleben.

Was war geschehen?
Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) stellte seinem Koalitionspartner, der österreichischen Volkspartei ÖVP, ein Ultimatum und sagte sogar seine geplante Israelreise ab, um nächtliche Krisensitzungen abzuhalten. Falls es der grossen Koalition nicht gelingen würde, sich endlich auf ein gemeinsames Arbeitsprogramm zu einigen, würde er als Bundeskanzler zurücktreten und beim Bundespräsidenten um Neuwahlen ersuchen. Doch es kam anders. Nach einem Verhandlungsmarathon einigten sich die beiden Regierungsparteien schliesslich auf ein gemeinsames Arbeitsprogramm, das den schönen Titel «Für Österreich» trägt. Darin findet man auch das bildungspolitische Ziel, künftig alle Schülerinnen und Schüler mit Computern auszurüsten. Woher das Geld dafür kommen soll, bleibt allerdings ebenso unklar wie die Ausrüstung und Weiterbildung der Lehrpersonen. Aber so funktioniert nun mal Politik, meinte dazu der Vorsitzende der österreichischen Delegation: Gefragt sind mediale Ankündigungen und nicht gelingende Umsetzungen. Nicht im Arbeitsprogramm findet man jedoch die Halbierung der im letzten Jahr beschlossenen Obergrenze für die Zuwanderung, wie dies die ÖVP gefordert hat.

Es kam wie es kommen musste: Trotz der Meinungsverschiedenheiten bei der Integrationspolitik traten die Parteispitzen schliesslich geeint vor die Medien und verkündeten den neuen Burgfrieden. Und mein österreichischer Amtskollege sagte dazu nur: «Das ist der gefühlte 20. Neustart dieser Koalitionsregierung!»

Beat W. Zemp, Zentralpräsident LCH, 7.2.2017

Warum es zwei Fremdsprachen an unserer Volksschule braucht! (Samuel Zingg, 10.01.2017)

Warum es zwei Fremdsprachen an unserer Volksschule braucht! (Samuel Zingg, 10.01.2017)

Weil es für die Jugendlichen wertvoll ist! Betrachten wir doch die Volksschule aus Sicht der Lernenden: Was soll sie ihnen bieten? – Eine optimale Vorbereitung auf ihre spätere Tätigkeit. Ein breites Allgemeinwissen – darf man dies noch sagen? Oder müsste es ein breites Repertoire an allgemeinen Grundkompetenzen heissen?

Ein Schwerpunkt der Sekundarstufe I, auf welcher ich unterrichte, ist die Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf die Lehrzeit und ihre zukünftige Tätigkeit. Oft werden wir von extern angehalten, die Lernenden für die Wirtschaft fit zu machen. Was aber bedeutet dies konkret am Beispiel der Fremdsprachen?

Um im Schweizer Arbeitsmarkt zu bestehen, brauchen wir ein Plus – etwas, das uns bezüglich Anstellung und Lohn gegenüber anderen einen Vorteil bringt. Englisch kann heutzutage jedermann und brauchen wir als Fremdsprache gezwungenermassen zu unterrichten, keine Frage. Einen Vorteil bringt aber beispielsweise die zusätzliche Landessprache. Die Stütze der Schweizer Wirtschaft und damit unseres Wohlstandes sind die vielen KMU. Diese operieren mehrheitlich innerhalb des Schweizerischen Marktes und dieser ist mehrsprachig. Der Unterricht in unseren Landessprachen hat also nicht nur symbolische Bedeutung, er dient auch nicht nur dem Zusammenhalt innerhalb unseres Landes, sondern er entspricht auch einem wirtschaftlichen Bedürfnis.

Dazu noch eine kleine Geschichte: Einem spezialisierten KMU aus unserem kleinen Kanton Glarus läuft es gut. Die Firma hat genügend Aufträge, ist erfolgreich, kann jedoch keine lukrativen Aufträge im frankophonen Markt ergattern. Der Chef hat sich schon mehrfach darüber geärgert, dass er bei Aufträgen in der welschen Schweiz oder Frankreich nicht oder sehr selten zum Zuge kommt. Der Grund sei, dass sie in der Firma niemanden hätten, der fliessend auf Französisch kommunizieren könne und die Westschweizer wollen einfach nicht via englisch kommunizieren, weil das zu Missverständnissen führe. Er hat dieses Problem schon länger, würde aber nicht auf die Idee kommen, einen Mitarbeiter (oder Lehrling) im Französischen zu fördern…

Was erwarten wir von einem Unterricht in einer zweiten Fremdsprache? Meiner Meinung nach sollten die Ziele an unserer Volksschule bezüglich einer zweiten Fremdsprache, respektive einer zweiten Landessprache die folgenden sein:

  • Die Jugendlichen sollen die Kultur eines anderssprachigen Landesteils kennenlernen.
  • Die Jugendlichen sollen sich verständigen können. Nicht der grammatikalische Aspekt der Sprache, sondern die Kommunikation in dieser zweiten Landessprache soll im Vordergrund stehen.
  • Eine Basis in der Lautbildung ermöglicht nach der Volksschule einen raschen Spracherwerb

Die Volksschule soll eine Basis legen und den Jugendlichen die Neugierde auf unsere «anderen Mitschweizer» und auf die Sprache fördern – und nicht etwa einen grammatikalisch perfekt sprechenden und schreibenden Schüler ausbilden.

Samuel Zingg, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 10. Januar 2017

Kennen Sie MaP? (Bruno Rupp, 6.12.2016)

Kennen Sie MaP? (Bruno Rupp, 6.12.2016)

Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihnen das Kürzel etwas sagt, ist (leider noch) relativ gering. Falls Sie nicht zum grösseren Teil der Wahrscheinlichkeit gehören, freut es mich und Sie können sich das Weiterlesen ersparen und Ihre kostbare Zeit zum Lesen eines anderen Artikels einsetzen. Andernfalls freut es mich, wenn Sie weiterlesen.

Googeln hilft Ihnen nicht weiter; Sie werden auf eine falsche Fährte geführt. Also einfach weiterlesen ... MaP ist die Abkürzung für den Verein «Männer an die Primarschule», welcher im Herbst 2014 gegründet wurde und vom LCH unterstützt wird. Der Verein verfolgt das Ziel, dass sich Bildungsinstitutionen, Berufsverbände, Behörden und Beratungsstellen gemeinsam für einen höheren Männeranteil an den Primarschulen engagieren.

Bereits 1964 sank der Männeranteil an den Primarschulen unter 50 Prozent. Seither hat sich der Anteil der Männer in der Primarschule kontinuierlich verringert. In der Eingangsstufe werden die Schülerinnen und Schüler praktisch ausschliesslich von Frauen unterrichtet. Auf der Mittelstufe und auf Stufe Sek I nimmt der Anteil der Lehrerinnen jährlich zu. Gleichstellungs- und bildungspolitisch gesehen ist diese Entwicklung aus verschiedenen Gründen nicht nur gut. Der Beruf des Lehrers rsp. der Lehrerin entwickelt sich zunehmend zu einem Frauenberuf. Überdurchschnittlich viele Frauen arbeiten in einem Teilzeitpensum. Ihr Arbeitsaufwand und ihre Arbeitsleistung sind im Verhältnis zur Anstellung gegenüber den Vollzeitangestellten ungleich grösser. Die Entlöhnung entspricht jedoch oft nicht dem zusätzlich geleisteten Aufwand. Diese Entwicklung ist standespolitisch bedenklich. Durch die Entwicklung des Berufs in einen Frauenberuf, in dem viele Mitarbeitende eine Teilzeitanstellung haben, führt zu einer Diskriminierung des weiblichen Geschlechts.

Aus pädagogischer und erzieherischer Sicht ist diese Entwicklung ebenfalls nicht nur positiv. Den Schülerinnen und Schülern fehlt vermehrt das männliche Vorbild. Im ungünstigsten Fall (den gibt es vermehrt) wächst ein Kind in einem weiblich geführten (Ein-)Elternhaushalt auf und wird während der gesamten Volksschulzeit von vorwiegend weiblichen Lehrpersonen unterrichtet und betreut. Männliche Jugendliche nehmen den Beruf des Lehrers rsp. eben der Lehrerin wohl nicht in erster Priorität als Ziel ihrer zukünftigen Ausbildung ins Visier.

Das mag «frauenfeindlich» tönen, ist aber auf keinen Fall so gemeint. Fände die Entwicklung mit umgekehrten Vorzeichen statt, würden die gleichen Argumente gelten. Wie in vielen Lebenssituationen gilt auch hier: Eine ausgewogene «Mischung» ist oftmals zielführender und wertvoller als Einseitigkeit. Der Verein «Männer an die Primarschule» hat sich zum Ziel gesetzt, diese Entwicklung in eine andere Richtung zu bewegen. In einer ersten Phase konnte der Verein vier Projekte starten, welche vom Eidgenössischen Büro für Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) grosszügig finanziell unterstützt werden:

  • Einblicke in den Berufsalltag eines Primarlehrers (Fachstelle JUMPPS)
  • Umsteiger, einsteigen! (PH Zürich und PH Zug)

  • MENtor (PH Graubünden)
- Fortbildung zu Männer und Primarschule: Professionelle Genderkompetenz (PH Luzern)

Weitere Projekte sind in Planung. Damit Sie jetzt nicht googeln müssen: Unter www.maenner-an-die-primarschule.ch finden Sie ausführliche Informationen. Egal ob Sie eine Leserin oder ein Leser sind, ein Blick auf die Website lohnt sich! P.S. Es freut mich, wenn Sie mit der Lektüre bis hierhin gelangt sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Kürzel MaP bekannter geworden ist, hat sich dadurch erhöht.

Bruno Rupp, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 6.12.2016

Altersdurchmischtes Lernen - eine pädagogische Innovation? (Marion Heidelberger, 25.10.2016)

Altersdurchmischtes Lernen - eine pädagogische Innovation? (Marion Heidelberger, 25.10.2016)

Die Gemeinde Zumikon stellte 2010 die Schulorganisationsform auf das Modell der Mehrjahrgangsklassen um. Und zwar ohne, dass dies aus organisatorischen Gründen nötig gewesen wäre. Sechs Jahre später ist der Medienmitteilung vom 23. August zu entnehmen: «In Abwägung aller Gesichtspunkte und dem Wissen, dass die Qualitätsziele der Schule Zumikon sowohl in Jahrgangsklassen als auch in altersdurchmischten Klassen erreicht werden können, hat sich die Schulpflege entschieden, die Primarschule per SJ 2017/18 auf das Modell der Jahrgangsklassen umzustellen.»

Was ist schief gelaufen?
Vom Entscheid sind 14 Unterstufen- und Mittelstufenklassen betroffen. Im Schulprogramm 2015-19 sei die Überprüfung und die Weiterentwicklung der Schulorganisationsform des Altersdurchmischten Lernens (AdL) vorgesehen gewesen. Interne und externe Schulevaluationen hätten gezeigt, dass sich die neuere Organisationsform an sich nicht entscheidend auf die Unterrichtsqualität ausgewirkt hätte und die Lernziele erreicht worden seien. Jedoch hätten sich seit der Ablösung der alten Organisationsform mit Jahrgangsklassen die Herausforderungen verschärft. Die Organisation eines vernünftigen Lektionenplans für alle Beteiligten und die Pensengestaltung für den Fremdsprachen- und Fachunterricht seien immer schwieriger geworden. Hinzu käme, dass die kritische Grundhaltung vieler Eltern und Teile der Bevölkerung nicht weniger geworden sei. Diese Kriterien hätten letztlich zum Entscheid der Zumiker Behörde geführt, auf das nächste Schuljahr wieder zum Modell der Jahrgangsklassen zurückzugehen. Gemäss einem Artikel in der NZZ vom 4.10. gehe damit ein «anhaltender Glaubenskrieg» zu Ende.


Was hat sich seit 2010 verändert? 
Zu Beginn der Umstellung war der Kanton bei der Verteilung zusätzlicher Stellenprozente noch grosszügig. Da der Richtwert für Mehrgangsklassen bei 21 und nicht bei 25 wie bei Jahrgangsklassen liegt und der Fremdsprachenunterricht teilweise per Gesetz in Jahrgangsklassen stattfinden muss, generiert diese Organisationform mehr Stellenprozente als das Herkömmliche. Durch die Ablehnung der Grundstufe 2012 war AdL politisch nicht mehr opportun und es wurden keine zusätzlichen Gelder mehr dafür eingestellt.
Der Kanton liess verlauten, dass für ihn beide Modelle gleichwertig seien, er diese Schulorganisationsform gerne unterstütze, aber nur wenn die geografischen Verhältnisse speziell seien und diese Form nötig machen würde, dies entspräche schliesslich einer langen Tradition. Aber eine Umstellung aus rein pädagogischen Überlegungen werde nicht empfohlen. Dies hiess ab da konkret: Je mehr Gemeinden auf eine altersgemischte Organisationsform umstellen, desto weniger zusätzliche Stellenprozente stehen den einzelnen Gemeinden zur Verfügung. Und irgendwann ist es unter den stetig abnehmenden personellen Ressourcen nicht mehr möglich, diese pädagogische Reform seriös umzusetzen. So geschehen auch in Zumikon.

Wie war das damals mit der Basisstufe?
Die Erkenntnisse aus Zumikon werden mit den Evaluationsergebnissen des Basisstufenversuches bestätigt. Damals wurden ebenfalls keine signifikanten Unterschiede zur Vergleichsgruppe in Jahrgangsklassen im Leistungsbereich festgestellt. Aber es rückten viele positive Nebeneffekte in den Fokus. Beispielsweise dass die Kinder über höhere Sozialkompetenzen verfügten, dass die Lehrpersonen subjektiv weniger belastet waren, weil sie durch das gemeinsame Teilen von Verantwortung und das Vieraugenprinzip entlastet wurden und dass die Selbständigkeit der Kinder zunahm. Dem gegenüber stand allerdings ein grosser Mehraufwand in der gegenseitigen Absprache und im gemeinsamen Vorbereiten.

Was bleibt in Zumikon?

Die positiven Elemente der Umstellung, beispielsweise bewährte Modelle des offenen Unterrichts, der Fokus auf die Sozialkompetenz, die gute Zusammenarbeit in den Stufenteams sowie der erfolgreiche Umgang mit Heterogenität sollen in die neue, alte Organisationsform überführt werden. Die Lehrpersonen werden aber mit ihrer Präsenz und ihrer Arbeit wieder stärker ins Zentrum gerückt.

Ist Altersdurchmischtes Lernen nun eine pädagogische Innovation oder nicht?
Ja! Für mich ist und bleibt die altersdurchmischte Organisationsform eine pädagogische Innovation. Die umgesetzte Durchlässigkeit und der strukturell bedingte differenzierte Unterricht machen den Umgang mit der vorhandenen Heterogenität (auch in sogenannten Jahrgangsklassen sind bis zu drei Jahrgänge zusammengefasst) einfacher. Sie wird sogar bewusst genutzt. Kinder können noch mehr voneinander und miteinander lernen, was sich auf Motivation und Eigenverantwortung positiv auswirken kann.

Aber Innovation kann nicht kostenneutral sein! Ohne die nötige Infrastruktur, ohne geeignete, differenzierende Lehrmittel und ohne zusätzliche Ressourcen in Form von Stellenprozenten für kleinere Lerngruppen ist keine pädagogische Innovation zu haben. Ob es sich um das Altersdurchmischte Lernen oder um die Integration von Kindern mit besonderen Bedürfnissen oder um einen lebhaften Fremdsprachenunterricht handelt spielt keine Rolle. Innovationen kosten immer, nicht nur Geld, sondern auch Engagement und Herzblut. Dafür gibt es unter dem Strich mehr Qualität und bessere Befindlichkeiten. Und vielleicht kann sogar das eine oder andere Kind, das sonst aus dem (Jahrgangs-)Rahmen fallen würde, durch die Veränderung der Organisationform aufgefangen werden. Das würde sich auch finanziell lohnen, externe Schulungen und andere sonderpädagogische Massnahmen können sich in einer kleinen Gemeinde schnell auf den Steuerfuss auswirken. Vielleicht sollte die Politik nicht immer nur kurzfristig und eindimensional rechnen, sondern der Komplexität der Schule Rechnung tragen und langfristig investieren. 

Marion Heidelberger, Vizepräsidentin LCH, 25. Oktober 2016

Schule und Religion (Jürg Brühlmann, 5.10.2016)

Schule und Religion (Jürg Brühlmann, 5.10.2016)

«Weil sie christliche Werte im Schulalltag pflegt.» So wirbt auf einem grossen 3fach-Plakat im Bahnhof St. Gallen ein Vater für die private Sekundarschule «flade». Auf der offiziellen Schulwebseite der Stadt St.Gallen steht: «Die Katholische Kantonssekundarschule, genannt 'flade', ist eine vom Volksschulgesetz des Kantons St.Gallen anerkannte, jedoch von der Stadt St.Gallen unabhängige Sekundarschule. Als christliche Schule katholischer Prägung ist die flade dem Bildungs- und Erziehungsauftrag der katholischen Kirche verpflichtet.» Wenn die Eltern seit mindestens drei Jahren im Kanton Kirchensteuer zahlen, ist der Schulbesuch kostenlos.

Konfessionelle Schulen gibt es einige in der Schweiz. Sie sind beliebt, unter anderem weil sie eine wertemässig homogene Schülerschaft anziehen und oft personalisierte Schulkonzepte anbieten. Üblicherweise sind sie auf staatlichen Webseiten nicht erwähnt. Im Vergleich zu den Niederlanden oder Australien mit sehr viel mehr Schulen mit religiöser Trägerschaft haben wir in vielen Kantonen doch unterdessen erstaunlich laizistische Verhältnisse. Die Aufklärung und die französische Revolution haben nachgewirkt.

Re-Christianisierung als Antwort auf islamischen Fundamentalismus
Viele Schweizer würden islamisch geführte «Kantonssekundarschulen» ablehnen, ein Hinweis für eine islamische Schule auf der kantonalen Webseite wäre tabu. Obwohl bald ein Drittel der Schweizer weder reformiert noch katholisch sind, hat sich im neuen Lehrplan 21 die Präambel mit humanistisch-christlichen Wertvorstellungen im Unterricht durchgesetzt. Öffentliche Schulen sind damit den nicht weiter definierten christlichen Werten verpflichtet, egal, was in ihrem Namen hierzulande bei Hexenprozessen und früher in den Kreuzzügen, während der Reformation oder bei der Kolonialisierung schon alles verbrochen wurde, egal was die Lehrperson selber glaubt und egal ob mehr als die Hälfte der Kinder an einer Schule gar nicht getauft sind. Mit dem aggressiveren Auftreten islamischer Fundamentalisten scheint in vielen Köpfen eine Re-Christianisierung der öffentlichen Schulen die richtige Antwort zu sein.

Frankreich oder auch Genf sind da klarer: Weltanschauliche und religiöse Symbole haben in den staatlichen Schulen keinen Platz. Trotzdem sind Werte und Ethik in laizistischen Schulen ein Thema. Schliesslich haben die Schweiz und Frankreich die Menschenrechtskonvention mitunterschrieben, welche die wesentlichen Umgangsformen und Grundrechte definiert. Und beide Länder haben eine Verfassung. Politiker müssen sich die Frage gefallen lassen, was die christliche Religion – ohne genau zu sagen was damit gemeint ist – auf staatlichen Webseiten und im Lehrplan zu suchen hat. Und warum die Menschenrechte und die Verfassung, im Gegensatz zur Religion mit eigenem Fach, im Geschichtsunterricht untergebracht sind und dort nur ein Mauerblümchendasein fristen.

Auf gesellschaftliche Standards und Menschenrechte besinnen
Ich räume in diesen Tagen gerade mein Büro auf und finde in einer alten Schweizer Illustrierten Schüleraufsätze aus dem Jahr 1977 zum Thema Wenn ich Lehrer wäre: «Ohrfeigen würde ich keine verteilen, aber dafür Strafaufgaben. (...) Die Lehrer sollten ausserhalb der Lehrerzimmer nicht rauchen. (...) Ich fände es besser, wenn die Protestanten zur gleichen Zeit Unterricht haben, wir aber nicht auch noch zusätzlich die Geschichte aus der Bibel mithören müssten.» Damals im Jahr 1977 war die grosse Mehrheit der Schweizer noch Mitglied einer Landeskirche und duldete Körperstrafen an den Schulen, auch an konfessionell geführten. Meine Grossmutter trug noch Kopftuch. Ein höhergestellter Mann hätte ihr kaum die Hand geschüttelt. Im Kanton St. Gallen waren die Schulen in vielen Dörfern noch in den 60er-Jahren nach katholisch und reformiert getrennt.

Wir sollten uns darauf besinnen, was wir unterdessen an gesellschaftlichen Standards und in internationalen Konventionen bestätigten Menschenrechten erreicht haben. Wer aus einem Bauchgefühl heraus nun wieder «christliche Werte» und Symbole vor sich herträgt, ohne genau zu wissen, was damit gemeint ist, grenzt sich zwar ab und findet vielleicht etwas Identität, hat aber im Grunde keine anderen Argumente und Sicherheiten als die islamischen Fundamentalisten. Da sind mir unsere verbindlichen Gesetze und die Verfassung transparenter und zuverlässiger.

Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogische Arbeitsstelle LCH, 5. Oktober 2016

Und schon stehen die nächsten Schulferien vor der Türe (Ruth Fritschi, 30.08.2016)

Und schon stehen die nächsten Schulferien vor der Türe (Ruth Fritschi, 30.08.2016)

Lehrerinnen und Lehrer haben viel Freizeit und alle zwei Monate wieder ein paar Wochen Ferien. Diesem Klischee pflichten wohl immer noch viele bei. Als Lehrerin oder Lehrer bekommt man von Nichtlehrern regelmässig zu hören: «Ach, ihr mit euren 13 Wochen Ferien!» Gemeint ist: Ihr Lehrpersonen habt einfach viel zu viele Ferien, und vor allem die Sommerferien sind viel zu lang!

Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich in solchen Situationen oft persönlich angegriffen und kontern mit Argumenten wie: «Fünfzigstundenwoche», «Korrekturarbeit mit Nachtschicht», «Elterngespräche und Vorbereiten am Wochenende» etc.

Und natürlich stimmt das auch! Wir Lehrpersonen müssen tatsächlich viel vorbereiten, bereitstellen, korrigieren, absprechen usw. Leider werden diese Erläuterungen beim Gegenüber oft als Versuch interpretiert, sich rechtfertigen zu müssen. Es scheint, als seien uns die Ferien peinlich. Dabei sind die Ferien so dermassen wichtig: Zum einen, um in den unterrichtsfreien Schulwochen weniger zu arbeiten, als in den voll beladenen; zum anderen, um wirklich Abstand von der Schule, den Schülerinnen und Schülern zu gewinnen und aufzutanken. Schade, dass uns oft nichts Besseres einfällt, als uns zu rechtfertigen. Stattdessen sollten wir allen, die uns die Ferien missgönnen, berichten, welche Vorzüge unser Beruf hat und mit welcher Motivation wir nach den Ferien wieder in den Schulalltag starten werden. Im Teamzimmer haben mir Kolleginnen berichtet, wie sie die Sommerferien verbracht haben. Hier zwei Beispiele:

  • Eine Lehrerin, die im August 2016 mit neuen Erstklässlern gestartet hat, meinte, dass sie erst in die Ferien fahren wollte und konnte, als ihr Schulzimmer für die neuen Kinder vorbereitet war. Sie brauchte eine ganze Woche, um das Material der bisherigen Klasse zu verräumen, die Nischen im Schulzimmer für die künftigen Erstklässler vorzubereiten und sämtliches Material für die neuen Kinder zu beschriften und bereitzustellen. In der zweiten Ferienwoche hat sie sich mit der Teamteaching-Kollegin getroffen, um die konkreten Inhalte der ersten Schulwochen zu planen und das Material für die Unterrichtslektionen zusammenzustellen. Die beiden Lehrerinnen arbeiten neu zusammen, so dass die künftige Zusammenarbeit einige Absprachen mehr verlangt hatte. Nach zwei Wochen Entspannung mit Freunden in einem Haus am Meer, war die letzte Sommerferienwoche wieder täglich verplant: Schulinterne Teamtage, in denen die Projekte der ersten Schulwochen vorbereitet und die gemeinsamen Räume wie Materialzimmer, Keller, Estrich etc. geräumt wurden. Am Wochenende vor Schulbeginn war Entspannung fast nicht mehr möglich, denn die Anspannung und Vorfreude auf die neue Klasse war gross. Der Schulstart mit neuen Erstklässlerinnen und Erstklässlern ist und bleibt ein besonderer Beginn!
  • Eine andere Kollegin aus dem Kindergarten berichtete, dass sie gleich am Wochenende nach Schulschluss in die Wanderferien verreist sei. Das mache sie nicht immer so, doch dieses Jahr hätte sie es besonders geschätzt, um gleich Abstand von der Kindergartenarbeit zu gewinnen. Besonders belastend habe sie einige schwierige Übertritts-Gespräche empfunden, die sich bis ins letzte Quartal hinein gezogen hätten. Sie meinte, dass es Wochen gab, in denen sie sehr schlecht geschlafen habe und ihr die belastenden Situationen immer wieder in den Sinn gekommen seien. Nach den aktiven Ferien seien die negativen Erinnerungen in den Hintergrund gerückt, sodass sie den frisch geputzten Kindergarten mit viel Freude und Energie für die neue Klasse herrichten konnte. Auch sie meinte, dass sie sich auf den Start mit der neuen Klasse gefreut habe. Die Auswahl des neuen Themas mit einer Leitfigur, die durch das Jahr führe, bereite ihr immer grosse Freude. Bei Themen, die zum wiederholten Mal umgesetzt werden, passe sie die bisherigen Ideen an und freue sich an den gelungenen Neuerungen. Sie meint, dass es zu Schuljahresbeginn besonders wichtig sei, gut erholt anzufangen, denn die ersten Kindergartenwochen seien emotional und körperlich besonders anstrengend. Zum Glück sei die Schulleitung vor Ort grosszügig, sodass die Teamteaching-Lektionen im ersten Quartal aufgestockt werden dürfen, indem jeweils bei Lektionen mit allen Kindern zwei Lehrpersonen anwesend seien.

Die beiden Berichte zeigen, dass es im Lehrberuf unterschiedliche Arbeitstypen gibt, so, wie in anderen Berufsgruppen wohl auch. Im Vergleich zu anderen Berufsgruppen haben wir mehr Zeitfenster, die wir selber organisieren und gestalten können. Meine Praxiserfahrungen zeigen, dass es vielen Lehrpersonen schwer fällt, abzuschalten und Arbeit und Freizeit wirklich zu trennen. Es gehört zum Alltag der Lehrerinnen und Lehrer, die Ereignisse vom vergangenen Tag nachzubereiten, um am nächsten Tag mit geeigneten Unterrichtsmethoden und Inhalten zu reagieren. Diese Überlegungen nehmen viele von uns mit nach Hause, weil wir uns emotional beteiligen. Ich glaube, dass der Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler allen Lehrpersonen am Herzen liegt. Gelingt dies aus verschiedenen Gründen nicht, belastet dies sowohl die Lernenden und deren Eltern als auch die Lehrpersonen.

Das laufende LCH-Projekt „Gesundheit der Lehrpersonen“ soll mittels Untersuchungen auf verschiedenen Ebenen Fakten zu den effektiven beruflichen Belastungen bringen. Es scheint, dass in weiten Kreisen der Politik und der Gesellschaft der Beruf der Lehrerinnen und Lehrer immer noch als ein Beruf mit viel Freizeit betrachtet wird. Vor allem die Politik ist aufgefordert, den diesbezüglichen Vorurteilen und Fehleinschätzungen entgegenzutreten. Die Ergebnisse des Projekts Gesundheit werden am Bildungstag 2017 präsentiert.

Ruth Fritschi, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 26. August 2016

Bildung als Ressource – gut gemeint, aber nicht umgesetzt? (Marion Heidelberger, 02.08.2016)

Bildung als Ressource – gut gemeint, aber nicht umgesetzt? (Marion Heidelberger, 02.08.2016)

Bundespräsident Schneider-Ammann wies an seiner diesjährigen 1. August-Rede darauf hin, dass Bildung, Innovation und Unabhängigkeit die drei Pfeiler der Schweiz seien. Davon hinge unser Wohlstand ab. Das gute Bildungssystem mache die Schweiz zum Chancenland, jeder und jede könne dank dem offenen Bildungsweg weit kommen. Weil Bodenschätze fehlen würden, sei die Schweiz auf Innovation angewiesen.

Einverstanden. Niemand bestreitet, dass die Schweiz über ein sehr gutes Bildungssystem verfügt. Dass Bildung unsere einzige Ressource ist, ist nichts Neues. Tönt schön und wird deshalb sehr oft verwendet. Aber hält diese Aussage einer kritischen Hinterfragung stand? Schauen wir doch genauer hin.

Dass jeder und jede weit kommen kann, ist zwar theoretisch richtig, faktisch aber nicht wahr. Längst wissen wir aus Studien und Erhebungen, dass trotz strukturell offenen Bildungswegen keine Chancengerechtigkeit gewährleistet ist. Selektion und Beurteilung werden von unbewussten Erwartungshaltungen geprägt. An Kinder aus akademischen Familien werden oft höhere Ansprüche gestellt als an Kinder aus Arbeiterfamilien, das wirkt sich indirekt auf Leistung und Schulerfolg aus. Zudem spielen finanzielle Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle, insbesondere beim gymnasialen Bildungsweg (siehe Bildungsblog des Tagesanzeigers vom 20. Juni 2016). Es ist noch ein weiter Weg bis zu einer grösseren Chancengerechtigkeit und Sparmassnahmen im Bereich der Sonderpädagogik, der Begabtenförderung oder beim Herabsetzen der Gymiquote machen den Weg steinig bis unwegbar.

Im Report "The Future of Jobs" des world economic forums vom Januar 2016 werden die Top10 Skills für das Jahr 2020 genannt. An erster Stelle steht das "Complex Poblem Solving", gefolgt von "Critical Thinking" und an dritter Stelle "Creativity". Kreativität ist eng verknüpft mit Innovation. Menschen, die vorausdenken und über den Tellerrand schauen können, generieren neue Ideen, Produkte oder Dienstleistungen. Damit bleiben die internationale Wettbewerbsfähigkeit und der landesinnere Wohlstand gewährleistet. Insofern liegt Bundespräsident Schneider-Ammann mit seiner Aussage, Innovation sei einer der drei Pfeiler des Wohlstandes in der Schweiz, sicher richtig.

Nur, wie passt denn das mit den aktuellen Abbaumassnahmen zusammen? Mit dem Vorhaben, auf Bundesebene weitere 500 Millionen Franken in der Bildung einzusparen? In der Schule werden Problemlösungsstrategien erarbeitet und geübt, das eigene Lernverhalten reflektiert und kreatives Denken und Handeln gefördert. Und jetzt wird die hohe Qualität unserer Schule durch diese einschneidenden Sparmassnahmen beschädigt. Dies nun auch auf Bundesebene, nachdem ein ruinöser Steuerwettbewerb in den Kantonen bereits in den letzten Jahren die Finanzen für die Bildung dramatisch verknappt hat.

Gerade die Errungenschaften der letzten zehn Jahre bezüglich Integration, notabene auch diese oft unter erschwerten finanziellen Rahmenbedingungen und zu Lasten der Lehrpersonen umgesetzt, werden mit diesen Abbaumassnahmen massiv gefährdet.

Genau diese Investitionen in eine Schule der Zukunft, die für alle Kinder bezüglich "Skillstraining" gewinnbringend sind, werden nun wieder in Frage gestellt und nicht mehr mit den nötigen finanziellen Mitteln ausgestattet.

Und wenn das nicht schon genug Schadenpotenzial hätte, kommt jetzt noch die Unternehmenssteuerreform III auf uns zu und generiert nochmals Steuerausfälle in Milliardenhöhe beim Bund und in den Kantonen und Gemeinden. Gleichzeitig wird ein strukturelles Defizit budgetiert. Wer das wohl auszugleichen hat? Genau!

Weitere Abbaumassnahmen werden uns in den nächsten Jahren in der Bildung beschäftigen. Wir werden uns mit allen Mitteln dagegen wehren. Leider sind so betrachtet die am 1. August vielerorts gemachten Aussagen bezüglich Stellenwert der Bildung als Plattitüden zu betiteln. Setzen wir uns dafür ein, dass dem nicht so ist. Denn eine gute Volksschule trägt viel zum Wohlstand in der Schweiz bei.

Trotzdem oder erst recht: Ich wünsche allen Lesenden bereits jetzt einen erfreulichen Einstieg in das neue Schuljahr.

Marion Heidelberger, Vizepräsidentin LCH, 2. August 2016

Ist es meinen Enkelkindern erlaubt, alt zu werden? (Nick Stöckli, 28.06.2016)

Meine beiden Enkelkinder sind ein paar Wochen alt. Die Medizin prophezeit ihnen eine Lebenserwartung von 95 bis 100 Jahren. Nach heutigem Muster werden sie 40 Jahre in ihr Erwerbsleben investieren und 30 bis 35 Jahre in den Ruhestand. Um ihre Pensionierung finanzieren zu können, müssten sie gut 40 Prozent ihres Lohnes für ihre Altersvorsorge verwenden. Nebst den Auslagen für die Krankenkasse, das Wohnen und die Steuern würde ihnen nicht mehr viel fürs Leben bleiben. Das tönt nicht gut. Als einziger Ausweg bleibt ihnen, die Zeit des Arbeitens zu verlängern und den Ruhestand zu verkürzen. Arbeiten bis zum Alter von 70 oder 75 Jahren? Es wird ihnen kaum etwas anderes übrig bleiben.

Diese Lösung ist einfach und mathematisch richtig. Nur: Passt sie auch zu den Menschen? Ich bin nun 65 Jahre alt und fühle mich eigentlich gesund. Aber wenn ich mir vorstelle, ich müsste jetzt noch die Leistung erbringen, die ich bis zu meiner Pensionierung erbracht habe, gibt es für mich nur eine Antwort: Nicht leistbar! Die Wirtschaft, ob privat oder öffentlich, muss sich heute ernsthaft daran machen, altersgemässe Arbeitsplätze und Arbeitsformen zu entwickeln. Einfach zu fordern, das Rentenalter zu erhöhen, reicht nicht.

Für die Schule scheinen altersgemässe Anstellungen kein Problem zu sein: die alten Lehrerinnen und Lehrer reduzieren ihr Pensum, gemäss ihrer individuellen Leistungsfähigkeit. Doch dies ist zu kurz gedacht: Für viele alte Lehrpersonen ist Unterrichten an sich, ob voll- oder teilzeitlich, zu einer Überforderung geworden. Sollten sie also länger als bis 65 arbeiten müssen – und dies wird so kommen, auch wenn wir die Leistungen der AHV richtigerweise erhöhen – dann müssten in der Schule Arbeiten angeboten werden, die weniger belastend sind als das eigentliche Unterrichten.

Einen Lösungsansatz stellt die Einführung von Fachlaufbahnen dar. Ein gutes Fachlaufbahnkonzept bietet eine Palette von verschiedenen und unterschiedlich belastenden Funktionen an. Es ist also auch aus Sicht der kommenden Altersvorsorge dringend notwendig, endlich das zu tun, was der LCH schon seit Jahren fordert: Fachlaufbahnen in der Schule! Allerdings: Sollten die Verantwortlichen in den Kantonen damit noch 95 Jahre warten, wäre dies für meine Enkel eindeutig zu spät.

Nick Stöckli, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 28. Juni 2016

Richtig oder falsch? (Bruno Rupp, 31.05.2016)

Richtig oder falsch? (Bruno Rupp, 31.05.2016)

Die Frage der ersten und zweiten Fremd- respektive Landessprache ist seit langer Zeit Diskussionsinhalt auf verschiedensten Ebenen. Eine Lösung des Problems in unserer föderalistischen Schweiz ist leider immer noch nicht in greifbarer Nähe. Immerhin ist man sich gemeinhin einig, dass zum Erlernen einer anderen Sprache gute Kenntnisse in der eigenen Sprache eine wichtige Voraussetzung sind.

Wie sicher beherrschen Sie die deutsche Sprache? Mit ein paar Beispielen von sprachlichen Zweifelsfällen möchte ich Sie in dieser Kolumne konfrontieren. Entscheiden Sie aufgrund/auf Grund (?) Ihrer Kenntnisse, Ihres Sprachgefühls oder mithilfe/mit Hilfe (?) eines Wörterbuchs. Denken Sie auch daran, dass manchmal zwei Möglichkeiten als richtig gelten können.

Die Anmeldung für den Wahlfachunterricht gilt bis Ende/bis zum Ende des Schuljahrs. Man hilft den Kindern am besten dadurch, indem/dass man sie unterstützt.

Morgen beginnen die Sommerferien; wir müssen heute noch die Koffer/Koffern packen.

Nur mit Französisch als erste und wichtigste/erster und wichtigster Fremdsprache wird sich der Schüler nicht behaupten können.

Ich spreche von der Schule als Ganzes/als Ganzem.

Ich rufe dir/dich an. Bitte rufen Sie mir/mich zurück.

Endlich hat er Ordnung in seinem Pult geschafft/geschaffen.

Im Umfeld unserer Schule haben die Verhältnisse/haben sich die Verhältnisse stark verändert.

Morgen findet die diesjährige Delegiertenversammlung/die Delegiertenversammlung statt. Die statutarische Traktandenliste fand Zustimmung/Die statutarischen Traktanden fanden Zustimmung/Die Traktandenliste fand Zustimmung.

Gestern trafen sich die Eltern und die Lehrerin zum gemeinsamen Gespräch/zum Gespräch.

Es ist den Kindern zumutbar/zuzumuten, dass sie den Schulweg zu Fuss gehen.

Der Auftrag endet mit dem Vernehmlassen/der Vernehmlassung des Konzepts.

Falls Sie bis hierher gelesen haben, haben Sie sich bestimmt auch bei jedem Beispiel für eine Lösung entschieden; vielleicht sogar mit einer richtigen Begründung. Ich verrate Ihnen hier jedoch nicht, was richtig oder falsch ist. Wenn Sie sich dafür interessieren und Sie es genau wissen möchten, empfehle ich Ihnen die Lektüre des Buchs mit dem Titel «Richtig oder falsch? Hitliste sprachlicher Zweifelsfälle» von Johannes Wyss. Es ist im Verlag Neue Zürcher Zeitung erschienen.

Bruno Rupp, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 31. Mai 2016

Einführung Lehrplan 21: Erfahrungsbericht als Kursteilnehmerin und Kursleiterin (Ruth Fritschi, 26.04.2016)

Einführung Lehrplan 21: Erfahrungsbericht als Kursteilnehmerin und Kursleiterin (Ruth Fritschi, 26.04.2016)

In manchen Kantonen ist die Einführung zum Lehrplan 21 angelaufen, so auch im Kanton St. Gallen. Als Lehrperson für Fördermassnahmen bin ich Teil eines professionellen Schulteams und berichte als Teilnehmerin von zwei Basisthementagen aus dem Kanton St. Gallen.

Für die Weiterbildung zum Lehrplan 21 haben die Schulgemeinden die Wahl, ob sie im Schuljahr 2015/16 oder 2016/17 mit ihren Schuleinheiten an den Veranstaltungen teilnehmen wollen. Die Lehrplan-Umsetzung startet ab Schuljahr 2017/18. In einer Kick-Off Veranstaltung, ca. drei bis sechs Wochen vor der Durchführung der Basisthementage, werden die Rahmenbedingungen vorgestellt und die Einführung des Lehrplans an der Volksschule im Überblick aufgezeigt. Bei den Rahmenbedingungen geht es vordergründig um die Veränderungen in der Stundentafel und um die Lehrmittelsituation im Kanton St. Gallen.

Basisthementage: Information, Austausch und Vertiefung
An den Basisthementagen nehmen die Schuleinheiten in ihren Teams teil. Am ersten Thementag erhalten die Lehrpersonen Inputs zu den Grundlagen des Lehrplans und haben die Möglichkeit, sich in einem ersten Fachbereich zu vertiefen. Pro Halbtag steht ein Zeitfenster zur Verfügung, in dem sich alle Lehrpersonen einer Schuleinheit mit der Schulleitung austauschen können. Am zweiten Thementag haben die Lehrpersonen die Gelegenheit, sich in einem zweiten Fachbereich-Zyklus zu vertiefen. Es findet wieder ein Austausch im eigenen Schulhausteam statt. Nach den Basisthementagen erarbeiten die Schulleitungen unter Einbezug der Lehrpersonen ihre lokalen Einführungsprozesse für die nächsten zwei bis drei Jahre (lokale Vertiefung). Die kantonalen Begleitpersonen stehen für diesen Prozessschritt auf Wunsch beratend zur Seite.

Viele Anregungen in den Workshops
Mit gemischten Gefühlen habe ich mich in die Zuhörerreihen gesetzt und den Ausführungen der Mitarbeitenden des Amts für Volksschule und der Pädagogischen Hochschule St. Gallen zugehört. Das Referat zu den Grundlagen war in Form eines Dialogs aufgebaut. Man merkte, dass die beiden Referenten die Komplexität des Lehrplans im Vergleich zu den bisherigen Lehrplänen etwas zu relativieren versuchten. Mit Erfolg: Es ist ihnen gelungen, die Grundlagen «Kompetenzorientierung, gute Aufgabenstellungen und kompetenzorientierte Beurteilung» praxisnah und verständlich darzustellen. Die vertiefende Arbeit in den Workshops «Lernen mit besonderen Bedürfnissen« und «Mathematik» habe ich als bereichernd und anregend empfunden. Ich nehme von den zwei Kurstagen als Teilnehmerin folgende Blitzlichter zur Umsetzung des Lehrplans 21 mit:

  • Der neue Lehrplan verfolgt die Absicht, dass die Schule mehr wirkt (nützt).
  • Kompetent ist, wer Herausforderungen und Probleme verantwortungsvoll zu lösen vermag.
  • Anwenden heisst nicht in jedem Fall Handeln. Beim abstrakten Lernen geht es darum, die Lösung zu finden.
  • Kompetent ist, wer gezielt auf fundiertes und gefestigtes Wissen zurückgreift.
  • Eine Kompetenz ist nicht direkt beobachtbar, ich muss aufgrund von sichtbaren Handlungen (Performance) auf ein Kompetenzniveau schliessen.
  • Kompetenzorientiertes Lernen braucht mehr Zeit, also muss ich als Lehrperson die Kernkompetenzen herausschälen.
  • Gute Aufgaben sind Dreh- und Angelpunkt im kompetenzorientierten Unterricht. Was sind denn gute Aufgaben? Sie beginnen beispielsweise mit Formulierungen wie: Warum…? Wann…? Untersuche…! Überprüfe…! Nimm Stellung…! Zeichne…! etc.
  • Mathematik ist mehr als richtig rechnen.
  • Der Kindergarten und die Unterstufe erhalten im Lehrplan 21 eine höhere Gewichtung.
  • Die Orientierung an der Entwicklung des Kindes steht in den Grundlagen des Lehrplans und gilt für alle Zyklen.
  • Die Beurteilung soll ein Teil der Planung sein (vom Ende her denken).
  • Die Beurteilung wird anspruchsvoller, es werden nützliche Instrumente erwartet.


Als Teilnehmerin habe ich zwei anregende Weiterbildungstage erlebt, die sehr gut organisiert waren. In der Schlussrunde meines Schulhausteams gingen die Meinungen auf die Frage, wieviel wir für unsere Praxis mitnehmen können, weit auseinander. Als gemeinsames Fazit haben wir festgehalten, dass unsere Schule auf gutem Weg ist. Ich selber habe tolle Praxisideen für die Mathematik im Zyklus 1 mitgenommen, die ich umsetzen will.

Einführung der Basisschrift – meine Erfahrungen als Kursleiterin
Der Erziehungsrat des Kantons St. Gallen hat beschlossen, mit der Einführung des Lehrplans auch die Deutschschweizer Basisschrift einzuführen. Als Lehrpersonen für den Kaderkurs «Kursleitung Basisschrift» gesucht wurden, habe ich mich gemeldet und eingearbeitet. Unterdessen habe ich zwei Kurse mit Lehrpersonen durchgeführt und in der Schriftwoche an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen mitgewirkt. Meine Erfahrungen als Kursleiterin mit den Studierenden und mit den Lehrpersonen waren durchwegs positiv. Alle Teilnehmenden erkannten bald, dass der künftige Weg zu einer persönlichen Handschrift einfacher wird. Die Studierenden meinten beim Einstieg in die Schriftwoche, dass sie den Weg über die Schnürlischrift stets als Umweg empfunden hätten. Die Mehrheit der jungen Teilnehmenden berichtete zudem, dass sie ab der Oberstufe die Schnürlischrift nicht mehr angewendet hätten. Ihre persönliche Handschrift gleiche viel mehr dem Schriftbild der teilverbundenen Basisschrift. Beim Einstieg in den Kurs der Lehrpersonen wurde der Verlust der Schnürlischrift von einzelnen bedauert, weil die Schreibstunden bei den Schülerinnen und Schülern beliebt seien und diese Lektionen eine angenehme Ruhe in der Klasse mit sich gebracht hätten. Diese kritischen Stimmen waren bald nicht mehr zu hören, als sie feststellen konnten, dass im Kompetenzaufbau D.4.A.1 der Prozess zur eigenen Handschrift stark gewichtet wird. Die Förderung der Fein- und Grafomotorik gehört zum Auftrag des ersten Zyklus, dabei soll eine gute Stift- und Sitzhaltung immer wieder geübt werden.

Ich meine, dass im neuen Lehrplan der Prozess zu einer persönlichen Handschrift sogar stärker gewichtet wird als in den letzten zehn Jahren. Was die Lehrpersonen aus dem Schreibunterricht mit den Kindern berichteten, stellte ich auch bei den Erwachsenen fest. Die Teilnehmenden übten motiviert und fleissig bis sie die drei Stufen der Basisschrift sicher anwenden konnten. Es herrschte Ruhe und hohe Konzentration im Zimmer, die Teilnehmenden hatten Freude am Üben.

Ich komme zum Schluss, dass die Einführung des neuen Lehrplans gut angelaufen ist, weil der Kanton St. Gallen seine Hausaufgaben rechtzeitig und sorgfältig in Angriff genommen hat.

Ruth Fritschi, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 25. April 2016

Von Ibrahimovic lernen? (Niklaus Stöckli, 05.04.2016)

Zlatan Ibrahimovic ist Fussballer bei Paris Saint-Germain. Er beantragte bei seinem Arbeitgeber eine Lohnerhöhung, mit Erfolg: Sein Salär steigt nun von 800'000 Euro auf 1.5 Millionen Euro. Pro Monat. Wer will, kann ausrechnen, wie viel mal mehr er verdient als wir. Ist denn seine Arbeit soviel anspruchsvoller, belastender und wichtiger, als was wir tun. Ich vermute mal: nein. Was er erhält, ist der Marktlohn.

Löhne lassen sich aus unterschiedlichen Gesichtspunkten beurteilen und festlegen: Gerechtigkeit, Ökologie, Lebenshaltungskosten etc. Wenn ich als Arbeitgeber genau das Personal gewinnen möchte, das ich mir wünsche, tue ich gut daran, mich nach dem Markt zur richten. Falls nicht, kann ich meine Stellen nur mit Mühe oder gar nicht besetzten oder ich muss vorlieb nehmen mit Personal, das die an sich notwendigen Qualifikationen nicht mit sich bringt. Möglicherweise habe ich Glück und kann aus dem nahen Ausland das fehlende Personal rekrutieren. In der aargauischen Volksschule beispielsweise steigt der Anteil ausländischer Lehrpersonen Jahr für Jahr an und beträgt aktuell 13 Prozent. (Die SVP würde von einer Masseneinwanderung sprechen. Das aargauische Bildungsdepartement ist von einem SVP-Politiker geführt.) Eine markttaugliche Personalpolitik der Kantone bezüglich der Lehrpersonen geht von drei Ansatzpunkten aus.

1. Ansatz: Die Löhne der Lehrpersonen werden auf das Niveau der öffentlichen Verwaltung angehoben. Die Löhne in der Schule sind zu tief. Sie halten weder mit der durchschnittlichen nationalen Entwicklung Schritt noch halten sie Vergleichen auf Grund professioneller Arbeitsplatzanalysen mit anderen Tätigkeiten stand: gleich bewertete Tätigkeiten in der öffentlichen Verwaltung, in der Industrie, erst recht in der Finanzbranche werden deutlich bis massiv höher besoldet.

2. Ansatz: Die Kantone spielen ihre besonderen Qualitäten als öffentliche Arbeitgeber aus. Weder die Parlamente noch die Bevölkerung würden akzeptieren, dass die öffentliche Hand hohe Gehälter auszahlt. Die Löhne der öffentlichen Verwaltung und des Schulpersonals werden immer am unteren Bereich des Spektrums angesiedelt sein. Um dennoch im Wettbewerb um hochqualifiziertes Personal mithalten zu können, müssen die Kantone auf ihre besonderen Möglichkeiten als öffentliche Arbeitgeber zurückgreifen und sich als überdurchschnittlich verlässliche Arbeitgeber profilieren. Das heisst: geregelte Lohnentwicklung, guter Kündigungsschutz und Ähnliches. Einzelne Kantone haben dies begriffen, andere noch gar nicht.

3. Ansatz: Nur wer seinen Angestellten eine berufliche Perspektive eröffnet, ist auf dem Markt für hochqualifiziertes Personal erfolgreich. Für jede erfolgreiche Firma ist es heute unerlässlich, dass sie ihre Angestellten beruflich fördert, ihnen in der eigenen Unternehmung Entwicklungsperspektiven anbietet. Davon ist die Schule noch weit entfernt. Abgesehen von der Perspektive Schulleitung bietet sie fast nichts an. Es geht dabei nicht darum, weitere Hierarchiestufen in die Schule einzubauen. Was ins Auge gefasst werden muss, sind Fachlaufbahnen. Die geleitete Schule benötigt eine ganze Reihe von Lehrpersonen mit Spezialwissen: Praxislehrpersonen, Coaches für Berufsbeginnende, Spezialistinnen für Gewaltprävention etc. Um Fachlaufbahnen zu ermöglichen, braucht es drei Voraussetzungen: 1. Die einzelnen Schulen verfügen über die Ressourcen und die Kompetenz, gemäss den eigenen Bedürfnissen ausdifferenzierte Stellenangebote zu machen. 2. Die EDK erlässt ein interkantonales Anerkennungsreglement für die entsprechenden Weiterbildungen an den Pädagogischen Hochschulen. 3. Die Kantone bauen die Fachlaufbahn in ihr Salärsystem ein. Vorderhand hört man von Seiten der Kantone, dass das alles schön und gut sei, aber Geld koste und deshalb nicht realisierbar sei. Die Pädagogischen Hochschulen singen das hohe Lied ihrer eigenen Autonomie und wehren sich gegen die Harmonisierung der Weiterbildung. Die entscheidende Frage ist, wie lange die rückwärtsgewandten Kräfte noch dominieren werden. Denn irgendeinmal wird sich die Schweiz eine Schule mit einer solch furchtbar altmodischen Personalführung nicht mehr leisten können.

Niklaus Stöckli, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 5. April 2016

Tu felix Helvetia: Sollen Schüler ihr Schulhaus selber putzen? (Beat W. Zemp, 01.03.2016)

Tu felix Helvetia: Sollen Schüler ihr Schulhaus selber putzen? (Beat W. Zemp, 01.03.2016)

Kürzlich rief mich eine Journalistin von «20 Minuten» an und berichtete mir über eine neue Vorschrift an den Primarschulen in Singapore, wonach die Kinder künftig ihr Klassenzimmer und den Gang selber putzen müssen. Dafür bekomme jede Klasse speziell hergestellte kleine Besen und Schaufeln. Ob das nicht etwas für Schweizer Schulen sei, wollte sie vom «obersten Lehrer» wissen?

Ich erinnerte mich an ein faszinierendes Referat von Enja Riegel, das die Schulleiterin und Bestseller-Autorin aus Deutschland vor einigen Jahren an einer Schulsynode in Basel-Stadt hielt. Sie lasse ihre Schülerinnen und Schüler das Klassenzimmer selber putzen, damit sie lernten, Verantwortung zu übernehmen. Das Littering-Problem habe sich dadurch schlagartig erledigt. Dafür erntete sie spontanen Applaus von den 3’000 anwesenden Lehrpersonen. Anders im deutschen Hildesheim, wo die Stadt aus Spargründen 150'000 Euro jährlich einsparte, indem sie das Putzpersonal an Schulen entliess. Die Stadtverwaltung ernete Empörung und Proteste von Schulleitern, Lehrpersonen und Eltern. Schüler seien zum Lernen in der Schule und nicht zum Putzen, hiess es unisono.

Meine Antwort an die Journalistin von «20 Minuten» war daher: Wenn am Ende einer Unterrichtslektion die Wandtafel und am Ende eines Schultags das Zimmer von den Lernenden gewischt werden müsse, sei das als erzieherische Massnahme in Ordnung und im Übrigen auch nichts Neues. Solche «Klassenämtli» gäbe es schon lange. Das professionelle Putzpersonal habe genügend andere Arbeiten zu erledigen, wie die gründliche Reinigung der Toilettenanlage, der Fenster und Treppen und das fachgerechte Reinigen von Bodenbelägen. Die Verhältnisse seien zudem in jedem Schulhaus und auf jeder Stufe wieder anders, weshalb ein generelles Putzverbot oder eine einheitliche Putzvorschrift an allen Schweizer Schulen keinen Sinn mache. Es sei Sache der Schulleitung und der Lehrpersonen, für Sauberkeit in ihrem Schulhaus zu sorgen. Basta!

Es kam wie es kommen musste: Gegen Abend erhielt ich eine Mail mit der Nachricht, die Redaktion hätte entschieden, auf die Story zu verzichten, da das Putzen an Schweizer Schulen offenbar nichts Neues und kein so grosses Problem sei. «Du glückliches Land Helvetia» ist man geneigt zu sagen, wenn wir uns nur mit solchen Problemen herum schlagen müssen!

Beat W. Zemp, Zentralpräsident LCH, 1. März 2016

Lehrerinnen und Lehrer sagen Nein! (Franziska Peterhans, 09.02.2016)

Lehrerinnen und Lehrer sagen Nein! (Franziska Peterhans, 09.02.2016)

Am 28. Februar 2016 stimmen wir über die «Durchsetzungsinitiative» ab. Als Lehrerinnen und Lehrer müssen wir diese Initiative zur Durchsetzung der Ausschaffung krimineller Ausländer zwingend ablehnen, denn sie ist ungerecht, undemokratisch, unverhältnismässig. Ausserdem schafft sie eine Zweiklassen-Gesellschaft und gefährdet damit die Integration in unserem Land und auch in unseren Schulen. In den Standesregeln des LCH heisst es unter anderem: «Die Lehrperson wahrt bei ihren beruflichen Handlungen die Menschenwürde, achtet die Persönlichkeit der Beteiligten, behandelt alle mit gleicher Sorgfalt und vermeidet Diskriminierungen.» Diese Regel ist unserer Demokratie würdig und sollte so bestehen bleiben.

Aus Fehlern lernen
Vor zwei Jahren nahm eine knappe Mehrheit die Masseneinwanderungsinitiative an. Danach wurde schnell klar, dass die Auswirkungen des Begehrens zuvor nur oberflächlich diskutiert worden waren. Für die Forschung und die universitäre Bildung hatte das Abstimmungsergebnis äusserst negative Folgen, weitere Verschlechterungen stehen vor der Tür. Darum sollten wir bei der Durchsetzungsinitiative zuerst überlegen und dann abstimmen, und zwar Nein. Die Folgen der Masseneinwanderungsinitiative sollten sich bei der Durchsetzungsinitiative nicht wiederholen.

Zweiklassen-Gesellschaft unbedingt vermeiden
«Nicht statthaft sind systematische, willentliche oder fahrlässige Benachteiligungen von Lernenden wegen deren Denkart, Begabung, Geschlecht, geschlechtlicher Orientierung, Religion, familiärer Herkunft oder Aussehen.» Dies steht ebenso in den Standesregeln der Lehrerinnen und Lehrer und danach handeln sie. Unter familiärer Herkunft kann auch die Staatszugehörigkeit subsummiert werden. Die Geschäftsleitung des Dachverbandes Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH lehnt die Initiative vor diesem Hintergrund entschieden ab. «Die vielen ausländischen Kinder und Jugendlichen, die in der Schweiz leben, zur Schule gehen und später eine berufliche Laufbahn in Angriff nehmen, sollen nicht zu Bürgerinnen und Bürgern zweiter Klasse heranwachsen, für die eine andere Rechtsprechung gilt.» Vielmehr setzt sich der LCH für eine optimale Bildung aller Kinder und Jugendlichen ein, damit sie nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit erfolgreich im Arbeitsleben oder an einer Hochschule Fuss fassen und in ein gelingendes Erwachsenenleben starten können.

Mit der Durchsetzungsinitiative haben wir aber das Problem, dass unsere Schülerinnen und Schüler vom Rechtsstaat her plötzlich in «Ausländer» und «Schweizer» unterteilt werden. Dies dürfen wir nicht dulden. Und wir dürfen auch nicht riskieren, dass Kinder aus intakten ausländischen Familien von heute auf morgen ohne Mutter oder Vater aufwachsen müssen, weil sie oder er aufgrund eines geringen Deliktes ausgeschafft wird.

Auch geringe Delikte können zur Ausschaffung führen
Sicher: Kriminelle sollen nicht geschützt werden. Wer aber glaubt, dass mit der Durchsetzungsinitiative einzig «IV-Betrüger» und «BMW-fahrende Sozialhilfebezüger» im Visier stehen, der täuscht sich. Die Initiative definiert als Sozialmissbrauch auch geringe Delikte. Sobald eine Sozialversicherungsleistung unrechtmässig bezogen wird, liegt ein Sozialmissbrauch vor. Böswilligkeit, Bereicherungsabsicht oder fiese Tricks sind nicht nötig, um einen Sozialmissbrauch zu begehen. Es genügt eine Unachtsamkeit und Unkenntnis der Rechtslage. Angesichts unseres komplexen Sozialversicherungssystems kann ein unrechtmässiger Bezug einer Leistung schnell mal passieren, betroffen wären davon Ausländer und Ausländerinnen, die bestens integriert sind, die arbeiten und Familie haben.

Zum Beispiel ein deutscher Arzt:
Er erhält eine Kinderzulage für seine Tochter, die aufs Gymnasium geht. Nach der Matur entscheidet sich die Tochter, vor dem Studium ein Jahr lang im Ausland zu jobben. Der Vater vergisst, den Ausbildungsunterbruch zu melden und bezieht weiterhin die Kinderzulagen, obwohl er kein Anrecht darauf hätte. Er hat so einen Sozialmissbrauch begangen, die Folge bei Aufdeckung: Automatische Ausschaffung nach Deutschland.

Zum Beispiel eine kanadische Musikerin:
Sie wird Mutter und erhält eine Mutterschaftsentschädigung von der Erwerbersatzordnung. Acht Wochen später nimmt sie ein Engagement für zehn Aufführungen eines Musicals an. Sie unterlässt es, dies der Ausgleichskasse zu melden und bezieht weiterhin die Mutterschaftsentschädigung. Auch da droht die Ausschaffung, in ihrem Fall nach Kanada.

Zum Beispiel ein portugiesischer Teilinvalide:
Er kann sein Pensum als Verkäufer um 10 Prozent erhöhen. Er vergisst diese Veränderung in seinen wirtschaftlichen Verhältnissen der IV-Stelle zu melden und bezieht die unveränderte IV-Rente. Sein Vergehen: Sozialmissbrauch. Bei Aufdeckung wird er nach Portugal ausgeschafft.

Rechtsstaat in Gefahr
Als Lehrpersonen können wir nicht wollen, dass Väter oder Mütter unserer Kinder aufgrund derartiger «Vergehen» ausgeschafft werden. Gerade darum haben wir Gerichte, die Situationen und auch die Verhältnismässigkeit einer Massnahme beurteilen. Die Initiative will hingegen nichts anderes als die parlamentarische Gesetzgebung aufheben und den Handlungsspielraum der Richter abschaffen. Sie verletzt das Diskriminierungsverbot der Bundesverfassung, indem sie eine Gruppe im Land, die Ausländer, unter Sonderrecht stellt. Sie verletzt ausserdem das Gebot der Verhältnismässigkeit, indem sie keinen Unterschied macht zwischen schweren Straftaten, die heute zur Ausweisung führen, und geringen Delikten. Sie ersetzt die Einzelbeurteilung durch einen Automatismus, als seien «Ausländer» keine Menschen, sondern Sachen. Die Initiative tritt Grundwerte, die in diesem Land über Jahrhunderte errungen wurden, mit Füssen. Darum ist es für uns Lehrerinnen und Lehrer eine Verpflichtung, diese Durchsetzungsinitiative abzulehnen. Gerade weil wir über genügend Bildung verfügen, müssen wir dem Populismus einen Riegel schieben.

Franziska Peterhans, Zentralsekretärin LCH, 9. Februar 2016

UMAs – unbegleitete minderjährige Asylbewerber (Jürg Brühlmann, 12.01.2016)

UMAs – unbegleitete minderjährige Asylbewerber (Jürg Brühlmann, 12.01.2016)

Jesus flüchtete mit seinen Eltern gut behütet nach Ägypten. Er war kein unbegleiteter minderjähriger Asylbewerber, kein UMA. Er wurde nicht misshandelt, geschlagen, ausgeraubt und geplagt. Man hat ihm nicht das Ohrläppchen abgeschnitten, weil er nicht genug Geld dabei hatte für die Überfahrt. Als Lehrpersonen kennen wir geflüchtete Kinder. In den 1990ern kamen sie aus Bosnien, jetzt aus Eritrea, Irak, Syrien und vielen anderen Ländern. Neu ist die stark steigende Zahl, die Traumatisierung durch Krieg und Flucht, die oft langjährige Schulferne, das gefährdende Alleinreisen.

Viele Länder erstellen nun «bauliche Massnahmen» gegen die Flüchtlinge. Wohl eher zur Beruhigung der Bevölkerung. Denn ohne Gebrauch von Schusswaffen funktioniert ein Zaun nicht wirklich. Das wissen wir, die noch den eisernen Vorhang kennen. Das Geld würde gescheiter in die internationale Kooperation und die Aufnahme vor Ort gesteckt.

Traumatisierte Kinder und Jugendliche können durch Konzentrationsstörungen, Abwesenheitszustände, Aggressivität, besondere Zurückhaltung, Misstrauen, Übermüdung aufgrund von Schlafstörungen, regressives Verhalten, Ängste, Verweigerungsverhalten oder depressive Symptome auffallen. Hier ist grössere Unterstützung der Schulen im Unterricht und eine verstärkte Zusammenarbeit mit betreuenden Organisationen angesagt. Zur Integration in die Arbeitswelt und zum Nachholen der Schulbildung braucht es weitere grosse Anstrengungen aller Kantone auf der Sekundarstufe II.

Wer sich engagiert, möchte wissen, ob es sich lohnt. Wenn Jugendliche nach vielen Jahren Integrationsarbeit und mit guten Deutschkenntnissen wieder «nach Hause» ausgewiesen werden, ist das demotivierend. Wenn weiterhin bei Reichen Steuern reduziert oder gar nicht erhoben werden und dafür das Geld für Sondermassnahmen im normalen Schulbetrieb gekürzt wird, steigt der Ärger. Halten wir es also mit Thomas von Aquin: «Für Wunder muss man beten, für Veränderungen aber arbeiten.»

Jürg Brühlmann, Leiter Pädagogische Arbeitsstelle LCH, 12.01.2016

Mehr Ressourcen für eine erfolgreiche Umsetzung der Schulischen Integration! (Marion Heidelberger, 22.12.2015)

Mehr Ressourcen für eine erfolgreiche Umsetzung der Schulischen Integration! (Marion Heidelberger, 22.12.2015)

In den letzten beiden Jahren dominierte die Fremdsprachenfrage und der Lehrplan 21 die schulpolitische Agenda. Trotzdem blitzte da und dort eine Recherche oder ein Interview zum Thema Integration in den Medien auf. Bei genauerem Hinsehen war zu bemerken, dass sich dabei der Inhalt und der Ton verändert hat. War noch vor kurzem eine grosse Euphorie wahrzunehmen, bei der «Eine Schule für alle» proklamiert wurde, stellt sich nun langsam aber sicher Ernüchterung ein. Die Aussagen werden differenzierter, auf die wunden Punkte wird hingewiesen und plötzlich ist auch von vormals pauschalisierenden Expertinnen und Experten zu lesen, dass es halt schon schwierig sein könne und einige Kinder sich nur schwer integrieren liessen.

Aha! Seit einigen Jahren weisen wir darauf hin, dass besonders die verhaltensoriginellen Kinder oft den Schulalltag dermassen stören, dass kein geregelter Unterricht mehr durchführbar ist. Für diese Kinder reichen nämlich die in der Regel 3 Lektionen pro Woche Unterstützung durch eine SHP nicht aus. Auch sind die Platzverhältnisse oft sehr eng und die Klassengrösse unangepasst. Eine absurde Situation entsteht: Durch die Integration, die nicht gelingt, kommt es zu einer neuen Separation. Kinder, die früher in gemeindeeigenen Kleinklassen gut aufgehoben waren und optimal gefördert werden konnten, werden auf Kosten der Gemeinde in Privatschulen beschult, die genau dieses Gefäss, Lernen in Kleingruppen, anbieten. Ein Grund mehr, warum die Kosten für Sonderpädagogische Massnahmen trotz Integration nicht sinken, wie anfangs gehofft oder als Ziel deklariert wurde.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will nicht zurück hinter die Ziellinie. Ich möchte auch keine flächendeckende Wiedereinführung von Kleinklassen in allen Alterskategorien. Aber ich möchte, dass die Bedenken der amtierenden Lehrerschaft bei der Umsetzung der Schulischen Integration von Kindern in die Regelklasse endlich ernst genommen und die Schulen mit den nötigen Ressourcen ausgestattet werden. «Schule» ist ein hoch komplexes Gebilde, alle Einzelteile müssen sich perfekt ergänzen und miteinander im Gleichklang sein. Nur so kann der wichtige und richtige gesetzliche Auftrag der Integration gelingen. Nur wenn auf allen Ebenen, vom Bund bis ins einzelne Klassenzimmer, der Leistungsauftrag geklärt und erfüllt ist, kann Integration zum Wohle aller Kinder und Beteiligten sinnvoll umgesetzt werden.

Als Hilfe für die Beurteilung der Situation in einzelnen Kantonen, Regionen oder Gemeinden gibt es beim LCH neu die «Kriterien für eine Standortbestimmung für die Schulische Integration von Kinder und Jugendlichen mit besonderem Bildungsbedarf». Detailliert wird aufgelistet, wer was auf welcher Ebene zu erfüllen hat. Einerseits für die Sonderschulung, aber insbesondere auch für die Kinder, die einen sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf haben. Der Kanton muss beispielsweise dafür sorgen, dass es genug ausgebildete Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen gibt und die Lehrmittel dem Anspruch nach einem differenzierenden Unterricht genügen. Die Politik muss endlich die Lehrpersonen mit Klassenlehrerfunktion im Rahmen ihres Berufsauftrages entlasten. Ihr Aufwand bezüglich Case-Management einzelner Schülerinnen und Schüler ist sukzessive gestiegen und sprengt längst das bisherige Pensum.

Ja, der Euphorie ist Ernüchterung gefolgt, und an vielen Orten werden nun Korrekturen vorgenommen. Das ist die gute Nachricht. Aber in der aktuellen Steuerpolitik vieler Kantone, die nun bei der Bildung einen massiven Qualitätsabbau vornehmen, heissen diese Korrekturen vor allem eines: Streichen von Ressourcen. Dies trifft die Umsetzung der Integration doppelt. Die ohnehin von Anfang an zu wenig eingestellten Gelder werden nun auch noch gekürzt! Ich erwarte, dass die Politik, die plakativ seit Jahren nach Integration schreit, uns die nötigen personellen, finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen zur Verfügung stellt, damit wir unseren Auftrag der Integration endlich für alle Beteiligten gewinnbringend umsetzen können.

Marion Heidelberger, Vizepräsidentin LCH, 22. Dezember 2015

Nach den Wahlen – vor den Wahlen: ein Rück- und Ausblick (Bruno Rupp, 27.10.2015)

Nach den Wahlen – vor den Wahlen: ein Rück- und Ausblick (Bruno Rupp, 27.10.2015)

Die National- und Ständeratswahlen 2015 sind bereits Geschichte. Bisherige wurden wiedergewählt, neue Kandidatinnen und Kandidaten wurden gewählt. Sie alle haben einen langen und mehr oder weniger aufwendigen Wahlkampf hinter sich. Vieles wurde versprochen; wir können uns auf (noch) bessere Zeiten freuen! In den letzten Wochen vor den Wahlen wurde in den Medien von einem langweiligen Wahlkampf geschrieben. Nach dem Durchlesen der Wahlprospekte und Inserate bin ich anderer Meinung. Ich habe allerlei Interessantes, Merkwürdiges, Unverständliches und auch Belustigendes entdeckt.

Da wurde ich als Wähler beispielsweise aufgefordert, die «richtigen» Leute nach Bern zu schicken. Wer will denn schon die «falschen» Leute schicken? Gemäss Aussagen in den Wahlprospekten sind die «richtigen» Leute diejenigen, welche «schwimmen», «segeln», «joggen», «Berge», «Wald und Wild» (...?), die «schiessen», «kochen», «wandern», «Violine spielen», «Akiv Fussball» (Originalzitat!), «grillieren» und «Katzen» haben. Ausserdem gehört man zu den «richtigen» Leuten, wenn man Präsident eines Parkhauses, Mitglied eines Posaunenchors oder Fischereivereins, Schafzüchter, Pensionist, Stundenschreiber (?) ist oder gerne bastelt und Modellschiffe baut. Die Zukunft soll «enkeltauglich» sein. Diese neue Wortkreation löst bei mir die Frage nach der Tauglichkeit für Grossmütter und Grossväter aus ...

Jemand will «Politik für die kleinen Leute» machen (was ist mit den grossen Menschen?). Schon fast skurril wirken Aussagen wie «Weizen säen statt Strassen» (wo gibt es denn Strassensamen zu kaufen?), «Das Land braucht neue Gärten» (sind alte Gärten nutzlos?) und «Schluss mit Schulterschluss, Schnellschuss und anderem Gugus». Ein Kandidat will «die Energie wenden» (nach welchem noch unbekannten physikalischen Gesetz?), eine Kandidatin bezeichnet sich als «mutig, authentisch und anders» (die Definition des Andersseins ist dem Wähler oder der Wählerin überlassen). Es erfüllt mich mit Freude, dass sich endlich jemand für einen «nützlichen Umweltschutz» einsetzen will. Mit der Forderung nach «mehr Opensource und Opendata» kann ich jedoch wenig anfangen. Zumindest braucht es zu dessen Erfüllung kein neues Mitglied im Nationalrat. Ein Kandidat hat sogar hellseherische Fähigkeiten; er weiss schon vor den Wahlen, was er in Zukunft als Nationalrat gemacht haben wird («Ich setzte mich ein für eine Schweiz, die ...»). Die Karten werden «neu gemischt» (was dabei rausschaut ist wohl eher zufällig) und der «Bauer schlägt den König» (beim Kaffeejass in der Mittagspause?). Immerhin lese ich auch, dass die «Bildung unsere wichtigste Grundlage» ist und dass unsere Kinder «alles werden dürfen, nur nicht dumm». Da bin ich doch froh darüber und blicke vertrauensvoll in die Zukunft. Den Nagel auf den Kopf trifft eine Partei mit dem Aufdruck auf ihren Plakaten «Vertrau keinem Plakat».

Nach den Wahlen ist vor den Wahlen; ich werde in vier Jahren keine Plakate mehr lesen.

Bruno Rupp, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 27.10.2015

Es ist Geiz. Was sonst? (Nick Stöckli, 29.09.2015)

Roland B. ist Mitglied der Regierung eines grossen Kantons. Er ist Finanzdirektor und ist als solcher massgeblich verantwortlich für die Steuererleichterungen, die dieser Kanton in den letzten Jahren beschlossen hat. Zweifelnde an dieser Politik beruhigte er mit dem Versprechen, dass der Kanton auch weiterhin seine Aufgaben in gleicher Qualität werde erfüllen können. Nun aber zeigt sich, dass genau das nicht stimmt. Dem Kanton fehlt das Geld für die qualitativ befriedigende Erfüllung der Aufgaben, die ihm von Volk und Parlament auferlegt wurden.

Nach einem ersten Abbauprogramm von 2014 will nun Roland B’s Kanton die schulischen Angebote ein weiteres Mal mit einem noch schlimmeren Abbauprogramm reduzieren. Geplant ist die Reduktion des Plansolls des Lehrpersonals um 260 Vollzeitstellen, um auf diese Weise zusammen mit anderen Massnahmen dem Bildungsbudget jährlich 32 Millionen zu entziehen. Der Stellenabbau hat unter anderem zur Folge, dass Teilungsstunden an der Primarschule wegfallen.

In einem Interview mit «Schweiz aktuell» rechtfertigt Roland B. diesen Abbau: «Wir gehen davon aus, dass das aus pädagogischen Gründen vertretbar ist. Denn wir wollen nach wie vor eine qualitativ gute Schule, die die Kinder in die Zukunft führen kann.» Reporter: «Aber wenn die Kinder weniger Schule haben, kann die Qualität doch nicht gleich bleiben.» Roland B.: «Das ist nicht sicher. Denn die Kinder sind heute vielfach überfordert an Hand von zu viel Wissen und zu viel Hineinschaufeln in kürzester Zeit.»

Die Antwort ist verblüffend ehrlich. Offenbar will man bewusst das Wissen, das die Kinder in der Schule erwerben sollen, reduzieren. Nicht der Lehrplan (Gibt es da nicht so etwas wie den Lehrplan 21?), sondern die Steuerpolitik definiert, wie viel die Schülerinnen und Schüler lernen sollen.

Wir leben glücklicherweise in einem Land, dessen Wirtschaft hervorragend aufgestellt ist. Das BIP ist so hoch wie noch nie. Selbst die Schwierigkeiten mit dem hohen Frankenkurs drücken die Wirtschaft nicht in eine Rezession. Die Steuern in der Schweiz sind schon lange so moderat, dass deren Senkung keinen weiteren Standortvorteil für Unternehmungen bedeutet und, was avenir suisse jüngst feststellte, auch nicht dazu dient, potente Steuerzahler anzulocken.

Es gibt weder wirtschaftliche noch andere vernünftige Gründe für die Steuersenkungspolitik, wie sie nebst Roland B’s Kanton die meisten anderen Kantone betreiben. Ganz offensichtlich gibt es dafür nur einen Grund: Geiz. Die Folgen dieses Geizes aber sind fatal. Wenn die Schweiz sich daran macht, scheibchenweise das Bildungsangebot zu verschlechtern, dann beschädigt sie ihren wichtigsten wirtschaftlichen Standortvorteil: die hohe Qualität der Bildung der heranwachsenden Bevölkerung. Dagegen anzukämpfen ist eine unserer wichtigsten Aufgaben in der nächsten Zeit.

Niklaus Stöckli, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 29. September 2015

Trotz Mangel an Kindergärtnerinnen kein Prestige- und kein Qualitätsabbau! (Ruth Fritschi, 25.08.2015)

Trotz Mangel an Kindergärtnerinnen kein Prestige- und kein Qualitätsabbau! (Ruth Fritschi, 25.08.2015)

Im Juni 2015 veröffentlichte der Verband der Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH) die Ergebnisse der repräsentativen Erhebung zur Stellensituation in der Deutschschweiz. In der Medienmitteilung war zu lesen, dass der Kindergarten beziehungsweise die Eingangsstufe im Vergleich zum Vorjahr als Problemstufe in Sachen Stellenbesetzung einzustufen sei.

Pünktlich zum Schuljahresbeginn wurde bekannt, dass der Kanton Zürich vom Kindergärtnerinnenmangel besonders betroffen ist. Es konnten nicht alle Kindergärtnerinnen-Stellen besetzt werden, was zu einem neuen Unterstützungsangebot bezüglich Lehrermangel führte. Die Pädagogische Hochschule Zürich hat in Zusammenarbeit mit der Bildungsdirektion Volksschule Zürich einen «Einführungskurs Kindergarten» für Personen ohne Lehrdiplom geschaffen. Der Kurs ist zweiteilig: Im ersten Teil werden die Teilnehmenden in drei Tagen in die Grundlagen des Kindergartens eingeführt, im zweiten Teil erhalten sie während des Anstellungsjahres am Unterrichtsort viermal ein individuelles Coaching. Mit Blick in die Zukunft bereitet mir dieser Sonderkurs Sorgen, da steigende Kinderzahlen im Schuleintrittsalter weiter vorauszusehen sind. Der Mangel an Kindergärtnerinnen wird sich wohl noch verschärfen, und ich möchte davor warnen, dass mit «Schnellbleichen» am heutigen Stellenwert des Kindergartens und am Prestige des Berufs der Kindergärtnerin gekratzt wird.

Ein wenig Geschichte zum Kindergarten, damit Sie verstehen, warum ich vor einem qualitativen Abbau warnen möchte. Der Kindergarten heute ist die erste wichtige Stufe in unserem Bildungssystem. In der ganzen Schweiz war der Kindergarten lange Zeit Sache privater und gemeindlicher Einrichtungen. Durch das Gesetz wurde der Kindergarten eine staatliche Institution. Die Situation der Kindergärtnerinnen wurde ebenfalls durch das Gesetz verbessert. Die Kindergärtnerinnen erhielten einen geklärten Berufs- und Bildungsauftrag. Die Ausbildung und das soziale Prestige der Kindergärtnerinnen haben sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts stark verändert. Mit der Umsetzung der Bologna-Reform schliessen in fast allen Kantonen die Kindergartenlehrpersonen ihre Ausbildung mit einem Bachelor ab. In einigen Kantonen ist das Kindergarten-Obligatorium erst in den letzten fünf Jahren gesetzlich verankert worden.

Als Kindergärtnerin mit seminaristischer Ausbildung habe ich den langen Weg bis zur heutigen Stellung des Kindergartens aktiv begleitet und bin überzeugt, dass am Ausbildungsniveau mit Matura festgehalten werden muss. Ich möchte mit dieser Haltung nicht so verstanden werden, dass ich die Arbeit der Kindergärtnerinnen mit einer altrechtlichen Ausbildung als qualitativ weniger gut beurteile, doch das Rad der Zeit kann nicht zurückgedreht werden. Der Beruf der Lehrpersonen auf allen Schulstufen ist komplexer und anspruchsvoller geworden, und meine Erfahrungen an meinem Unterrichtsort zeigen, dass die professionelle Zusammenarbeit im Team notwendig ist. Dass diese Zusammenarbeit in den letzten Jahren selbstverständlich geworden ist, schreibe ich zu einem Teil der Ausbildung auf gleichem Niveau und an derselben Pädagogischen Hochschule zu.

Ich wünsche mir, dass die betroffenen Gemeinden, die auf Personen ohne Lehrdiplom zurückgreifen mussten, sich nicht nur mit kurzfristigen Notlösungen zufrieden geben, sondern eine fundierte Ausbildung verlangen werden. Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass der Lohn der Kindergartenlehrpersonen neu in den Fokus gerückt werden muss.

Ruth Fritschi, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 25. August 2015

«Der Staat muss effizienter werden.» (Beat W. Zemp, 30.06.2015)

«Der Staat muss effizienter werden.» (Beat W. Zemp, 30.06.2015)

Im Samstagsinterview der NZZ vom 27. Juni fordert der neue Zürcher Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP, ZH), dass der Staat effizienter werden müsse. Das gelte auch für das Bildungswesen. So könne man beispielsweise mehr Online-Lehrgänge im Studium anbieten anstelle von teurem Präsenzunterricht. Bei den Schulhausbauten müsse man darüber diskutieren, wie es 20 Prozent günstiger gehen könnte. Aber auch in der Volksschule könne man das Kosten-Nutzen-Verhältnis optimieren: «Geht das System unter, wenn wir einen Schüler mehr pro Klasse haben? Persönlich bin ich sicher, dass das nicht so entscheidend für die Bildungsqualität ist», lässt sich der Finanzdirektor zitieren.

Diese Salamitaktik ist fatal. Nein – das Schulsystem geht nicht unter, wenn man die Klassengrösse um einen Schüler anhebt. Aber die Zeit, die eine Lehrperson pro Schüler zur Verfügung hat, wird kleiner. Und dieser Betreuungsfaktor hat sehr wohl etwas mit Qualität des Unterrichts zu tun. Und nein – das Schulsystem geht nicht unter, wenn man die Pflichtlektionen der Fachlehrpersonen um eine Lektion erhöht. Aber die Zeit, die eine Lehrperson pro Lektion zur Vor- und Nachbereitung hat, wird kleiner. Und dieser Faktor hat sehr wohl etwas mit der Qualität des Unterrichts zu tun.

Die Palette an Sparmassnahmen im Bildungswesen, die unter dem Deckmantel der Effizienzsteigerung daher kommen, ist gross und erzeugt mitunter seltsame Blüten. So wollte beispielsweise der Luzerner Finanzdirektor Marcel Schwerzmann den Gymnasien und Berufsschulen zwei Wochen Zwangsferien verordnen, um die Pensenguthaben der Lehrpersonen abzubauen. Der Unterricht könne in den verbleibenden Wochen effizienter erteilt werden. Die Bildungsqualität sei daher durch diese Zwangsferien nicht gefährdet, liess er verlauten. Meine Antwort kam postwendend in der Tagesschau: «Schicken wir doch die Luzerner Regierung samt der ganzen Verwaltung zwei Wochen in die Zwangsferien. Der Kanton wird dadurch nicht schlechter regiert und verwaltet.» Das Kantonsparlament hat dieser Sparidee dann glücklicherweise eine Ende bereitet, nachdem die Empörung über diesen geplanten «Shutdown» immer grösser wurde und sogar Mittel- und Berufsschüler vor dem Regierungsgebäude gegen diese Sparmassnahme demonstrierten.

Bleibt zu hoffen, dass auch das Zürcher Kantonsparlament nicht auf diese Salami-Taktik des Finanzdirektors eingehen wird. Auch bei dieser Argumentation lohnt es sich, den Stil einfach umzukehren. Wie wär’s damit: «Geht das System unter, wenn wir die Steuern um 1% erhöhen? Persönlich bin ich sicher, dass das nicht so entscheidend für die Standortqualität ist.»

Beat W. Zemp, Zentralpräsident LCH, 30. Juni 2015

Von Machos und Lohnungleichheit und anderen Empörungsgeschichten (Marion Heidelberger, 2.6.2015)

Von Machos und Lohnungleichheit und anderen Empörungsgeschichten (Marion Heidelberger, 2.6.2015)

Vor rund einem Monat erklärte uns Constantin Seibt, ein durchwegs brillant schreibender Journalist des Tages-Anzeigers, wie der heutige Journalismus funktioniert. Dieser kämpfe heute nämlich gegen Personalabbau und andere einschneidende Sparmassnahmen, laufe immer schneller, weil die zeitlichen und personellen Ressourcen für eine seriöse Recherche fehlten. Und: die Resonanz sei messbar geworden, in Form von Klicks und Onlinekommentaren.

So genannte Empörungsgeschichten, also das Berichten über vermeintliches Fehlverhalten, werden deshalb laufend bewusst konstruiert und lanciert. Die ideale Geschichte muss verständlich sein, also undifferenziert, sorgt für maximale Aufregung und Reaktion und macht beliebig viele Fortsetzungen möglich. Deshalb ist die journalistische Motivation hinter solchen Geschichten keine emotionale, sondern eine rein ökonomische.

In dieses Genre gehörte letztes Jahr mit insgesamt 1400 publizierten Artikeln das Tun eines Badener Politikers. (Man kann über sein Handeln denken, was man will. Aber hätte es letztes Jahr nicht genügend andere Themen gegeben, die unsere Aufmerksamkeit in ebenso starkem Masse verdient gehabt hätten?). Zu solchen Empörungsgeschichten gehört auch der Medienhype zum Thema «Balkon Machos». Eine Frau, die Selbstverteidigungskurse an Schulen erteilt, wird in einer Tageszeitung als Quelle herangezogen. Haarsträubend sei die Sprache der Jungen heutzutage. Auch eine Oberstufenlehrerin wird zitiert. Sie würde seit einiger Zeit das Erstarken eine Machokultur beobachten. Sie gibt der Zeitung auch gleich die passende Erklärung ab, nämlich, dass es zwar nicht gerne gehört werde, es sich aber um ein Migrationsproblem handeln würde.

Während man zuvor noch von Nachwuchs-Machos sprach, war der Begriff «Balkan-Machos» nun sehr schnell in aller Munde. Wie bei den Begriffen «Scheininvalide» und «Sozialschmarotzerinnen» bediente man sich den gängigen Klischees und malte husch und skrupellos ein neues Feindbild: junge, männliche Erwachsene aus dem Balkan und aus bildungsfernen Schichten stammend, die sich unflätig den jungen Frauen gegenüber benehmen, sie beschimpfen und bedrängen. Aha, diese zwei Quellen reichen also aus, um eine halbe Million Menschen, die in der Schweiz wohnen und arbeiten zu verunglimpfen. Sie wegen ihrer offenbaren Bildungsferne und ihrer patriarchalischen Strukturen pauschal für Vorkommnisse auf dem Pausenpatz verantwortlich zu machen.

Diese Empörungsgeschichte war lanciert, da sie in allen Teilen dem Mechanismus entsprach. Das Onlineportal von «20 Minuten» generierte innert Kürze 420 Kommentare. Ich habe sie alle gelesen, restlos. Und ich kann hier eines festhalten: Ich war sprachlos ob der vorherrschenden Aggressivität und der verbalen Rundumschläge. Das Vokabular war aus meiner Sicht weit aus haarsträubender als jenes der Jugendlichen. Zumal bei Erwachsenen im Gegensatz zu pubertierenden Jugendlichen der Bonus für den noch nicht ausgereiften Frontalkortex wegfällt und deshalb die Sprache und Ausdrucksweise strenger beurteilt werden muss.

Als die NZZ ein paar Tage später männliche Studierende mit albanischen Wurzeln porträtierte, blieben die Kommentare in grosser Zahl aus. Dies zeigt doch deutlich: Diskriminierungen sind hoch komplexe gesellschaftliche Phänomene. Oder wie lässt es sich sonst erklären, dass am 7. März 2015, über 30 Jahre nachdem die Gleichstellung von Mann und Frau in der Bundesverfassung verankert worden ist, rund 12'000 Frauen und Männer auf dem Bundesplatz für die Lohngleichheit demonstrierten? Dass Frauen im Durchschnitt für gleiche Arbeit noch immer 20% weniger Lohn erhalten als Männer?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Es geht nicht an, dass Mädchen in der Schule gedemütigt und schikaniert werden. Ebenso wenig sollten Dicke, Homosexuelle, Streber oder Andersdenkende ausgegrenzt und bedroht werden. Natürlich verschärft sich das Problem von sexistisch motivierten Übergriffen, wenn ein Hintergrund mit patriarchalen Strukturen vorhanden ist oder auf einer Hip-Hop-Kultur basiert, die die gleichen diskriminierenden Tendenzen verfolgt.

Elisabeth Abassi, Präsidentin des alv, sagte gegenüber der Aargauer Zeitung: «Fehlerhaftes Verhalten der Schüler schleicht sich oft ein, wenn man nicht den Anfängen wehrt.» Genau! Und das tun Lehrerinnen und Lehrer jeden Tag und nicht erst auf der Oberstufe. Sie schreiten ein, wenn Kinder beschimpft und lächerlich gemacht werden. Sie vermitteln ihnen die Werte von Gleichwertigkeit und vorurteilslosem, differenzierendem Beurteilen. Dieses Setzen von Grenzen sollten übrigens alle tun, überall. Nicht nur in der Schule. Auch auf der Strasse oder in den Kommentarspalten der Onlineportale oder in der Politik. Denn, wie genau war jetzt das mit der Lohngleichheit in der Schweiz?

Marion Heidelberger, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 2. Juni 2015

Nudging (Bruno Rupp, 28.04.2015)

Nudging (Bruno Rupp, 28.04.2015)

Kürzlich ist mir in der deutschen «Die Zeit» ein mir bisher unbekannter Begriff begegnet und hat mein Interesse geweckt: Nudging. Die Suche im Duden über die Bedeutung des Wortes lieferte kein Ergebnis. Langenscheidts Wörterbuch half mir weiter: Das englische Wort «nudging» bedeutet auf Deutsch «das Schubsen».


Der Artikel in der «Zeit» beginnt mit den Fragen: «Darf der Staat seine Bürger dazu verführen, bessere Menschen zu werden? Mit Psycho-Tricks?» Als anschaulichstes und daher am häufigsten zitiertes Nudging-Beispiel wird die aufgemalte Ziel-Fliege im Pinkelbecken erwähnt. Gemäss «Die Zeit» hat die unterschwellige Verhaltensanleitung namens «Nudging» im angelsächsischen Raum bereits viele Freunde in den Staatskanzleien gefunden. Zahlreiche deutsche Politiker und Politikerinnen befassen sich mit dem Begriff; eine Arbeitsgruppe im Kanzleramt soll die Möglichkeiten der sozialen Optimierung ergründen. Ein hoher Politiker nennt Nudging «die Vorstufe zum Paternalismus» (Paternalismus = Bestreben [eines Staates], andere [Staaten] zu bevormunden, zu gängeln).


Sie fragen sich bestimmt, was das mit Schule und Bildung zu tun hat.
 Einiges! Wie oft begegnen wir Emoticons (z.B. Smiley) und Schildern, mit welchen Gefühle ausgedrückt werden oder mit welchen wir auf einen bestimmten Weg geleitet werden. Unser Verhalten wird durch Symbole und Zeichen gesteuert. Mit Smiley-Displays an Ortseingängen werden wir auf 50 Stundenkilometer abgebremst und beim Einhalten der Anweisung auch belohnt.


Bei Unterrichtsbesuchen entdecke ich immer wieder neue Kreationen von Zeichen, welche die Schülerinnen und Schüler an ein bestimmtes Verhalten erinnern oder ihnen zeigen, wie sie sich gerade verhalten sollen.


Die Sprache wird durch Bildzeichen ersetzt. Immer öfter. Falls die Zeichen unmissverständlich sind, ist dagegen eigentlich nichts einzuwenden. Es stellt sich bloss die Frage des Masses. Bei der Kommunikation mit Zeichen muss sich niemand über Klarheit, Ausdrucksweise und Rechtschreibung Gedanken machen. Sprechen und Schreiben erübrigen sich oder werden auf Kurzversionen reduziert. Eigentlich schade. Der Vorsitzende des deutschen Rechtschreibrats, Hans Zehetmair, hat kürzlich in einem Interview geschrieben: «Regelgerechte Rechtschreibung ist Teil einer Kultur der Höflichkeit.
»

Lassen Sie sich von Bild und Sprache nudgen und schubsen Sie auch an. Verführen Sie die Schülerinnen und Schüler zu (noch) «besseren Menschen».

Bruno Rupp, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 28. April 2015

Böse Jugend? (Nick Stöckli, 31.03.2015)

Das Erziehungsdepartement des Kantons Aargau gibt eine Untersuchung über den Zustand der heutigen Schuljugend in Auftrag. Denn die Regierung ist beunruhigt ob der Klagen, die ihr zu Ohren gekommen sind. Die heutigen Jugendlichen seien unanständig, kämen am Morgen ohne gefrühstückt zu haben zur Schule, die Aufgaben seien nicht oder nur flüchtig erledigt, am Abend trieben sie sich bis in alle Nacht auf den Strassen herum, die Eltern kümmern sich nicht um die Erziehung ihrer Kinder und würden dies der Schule überlassen und am Schlimmsten sei die Sprache der heutigen Jugend, es müsse von einer eigentliche Verluderung gesprochen werden. 
Diese Nachricht ist zu lesen in einer Ausgabe des «Fricktal-Bote» aus dem Jahre 1951. Offenbar war in einer Zeit, als angeblich Zucht und Ordnung noch galten und das Ansehen der Lehrer gross war, die Jugend bereits schlecht. Die Jugend scheint immer schlecht zu sein. Oder noch schlimmer: immer schlechter als zuvor. Die Sprach- und Mathematik-Kenntnisse der Jugendlichen befinden sich auf einer eigentlichen Talfahrt. Heute würden viele Lehrmeister darunter leiden, dass ihre Lehrlinge nicht mehr rechnen können. Auch wenn Untersuchungen wie PISA etwas ganz anderes beweisen, hält sich hartnäckig das Bild der immer schlechter gebildeten Jugend.
Vielleicht müsste man die Frage «Was ist denn mit unseren Jugendlichen los?» umgekehrt formulieren: Was ist denn mit den Erwachsenen los? Woher kommt es, dass viele Erwachsene mit wohliger Empörung die jungen Menschen schlecht reden? Haben sie ein völlig falsches Bild darüber, wie sie selbst als Jugendliche waren? Vielleicht ist auch diese Frage falsch. Vielleicht ist eher zu vermuten, dass die meisten Erwachsenen ein gutes Verhältnis zu ihren Kindern und zu andern Jugendlichen haben und diese wohlwollend und positiv einschätzen. Genau so wie die Lehrerinnen und Lehrer ihre Schüler und Schülerinnen nicht als eine Last, sondern als ein Grund für ihre Berufszufriedenheit erleben, wie die Studie zur Berufszufriedenheit des LCH vom letzten Jahr beweist. (Aber wer traut schon wissenschaftlichen Studien?)

Nick Stöckli, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 2. September 2014

Was machen wir mit den jüngeren Kindern im Kindergarten und in der Schule? (Ruth Fritschi, 03.03.2015)

Was machen wir mit den jüngeren Kindern im Kindergarten und in der Schule? (Ruth Fritschi, 03.03.2015)

Eine Anfrage, die mich als Präsidentin der Stufenkommission 4bis8 immer wieder erreicht. In einem Telefongespräch aus den vergangenen Wochen wurde ich zu dieser Frage mit der Hypothese konfrontiert, dass wegen HarmoS die Sprachkompetenzen vieler Kinder auf ein tiefes Niveau gesunken seien. 

In einer ausführlichen Diskussion konnte ich meinen Standpunkt darlegen: Ich gehöre zur grossen Mehrheit, die am 21. Mai 2006 die revidierten Bildungsartikel in der Bundesverfassung angenommen hat. Nebst meiner Arbeit im LCH arbeite ich als Schulische Heilpädagogin im Kindergarten und in der Unterstufe im Kanton St. Gallen. Der Kanton St. Gallen ist ein HarmoS-Kanton, der die Eckdaten des Konkordats schon fast zehn Jahre umsetzt. Wenn meine Kolleginnen und ich die Rhythmisierung des Schulalltages von heute mit vorher vergleichen, hat sich einiges geändert. In der Unterstufe haben wir den «Znünikreis» eingeführt, der ganz ähnlich wie im Kindergarten, vor der Pause gemacht wird. Freies Spiel findet auch im Unterstufenalltag statt. Teamteaching und integrierte schulische Förderung sind üblich und erleichtern differenzierenden Unterricht. Der DaZ-Unterricht wird in integrativer Form und meistens von derselben Lehrperson durchgeführt, die das Teamteaching macht. Die geführten Settings werden den Kindergruppen angepasst und finden innerhalb des Halbtages in kleineren Einheiten statt. Ist ein Team gut eingearbeitet, passieren die Übergänge fliessend. Ich meine, dass mit einem professionellen Team und handlungsorientierten Methoden das jüngere Kind sehr gut dort abgeholt werden kann, wo es steht. Das Eingewöhnen der Kleinen zum Schuljahresbeginn wird auch in meinem Team als anstrengend empfunden, doch wissen wir, wie schnell die Kinder Fortschritte machen und nutzen die Möglichkeiten des Teams aus.

Wir stellen fest, dass gerade für Kinder mit wenig anregendem Umfeld eine frühere Einschulung in den Kindergarten sinnvoll ist. Nicht HarmoS ist dafür verantwortlich, dass bei vielen Kindern die Sprache eher rückständig entwickelt ist, sondern die Veränderungen in der Gesellschaft. Viele Kinder werden zwar täglich mit viel Sprache aus Fernsehen oder anderen Geräten “berieselt”, doch dabei fehlt die Interaktion. Die Schnelligkeit unseres Alltags hat ebenfalls Einfluss auf die Kommunikation in den Familien. Mir scheint, dass einander zuhören und darauf eingehen immer mehr zu kurz kommt. Wie sollen die Kinder aktives Zuhören lernen, wenn ihnen selten jemand “richtig” zuhört. Deshalb setzen die neuen Lehr- und Lernformen für die Kinder am richtigen Ort an. Die Kinder lernen beim Spielen, Handeln und in der Interaktion ihrem Alter entsprechend und nicht nur für die Lehrperson. Damit schwenke ich zum Lehrplan 21, der genau dieses Grundprinzip verfolgt. Der Lehrplan 21 ist eine Antwort auf die gesellschaftlichen Veränderungen und auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse seit der Annahme der revidierten Bildungsartikel 2006. Gespannt erwarte ich die Umsetzung im Kanton St. Gallen. 

Zum Schluss meine Empfehlung zur Frage «Was machen wir mit dem jüngeren Kind im Kindergarten und in der Schule?»: Wir nützen die Möglichkeiten in unseren Schulteams aus und versuchen den Aufwand für die Zusammenarbeit möglichst in Grenzen zu halten. Wir bestärken uns darin, gegenseitig zu sehen, welche Fortschritte die Kinder bereits gemacht haben und nicht nur davon zu reden, was sie immer noch nicht können. Dabei wünsche ich viel Ausdauer und die nötige Gelassenheit!

Ruth Fritschi, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 3. März 2015

Ab in den Schnee! (Franziska Peterhans, 10.02.2015)

Ab in den Schnee! (Franziska Peterhans, 10.02.2015)

Obwohl Sonne und Wärme so richtig mein Ding sind, freue ich mich immer auch auf diese eine Woche im Schnee! Sonne, Schnee, weisse Pisten, Bewegung, frische Luft, Berge, Berge, Berge – einfach ein Traum!     

Gelernt habe ich das Skifahren dann, als es am besten ging: als Kind! Regelmässige Skiferien mit der Familie, aber auch zahlreiche Lager, haben mich zur begeisterten Skifahrerin werden lassen. 

Während und nach meiner Zeit als Lehrerin habe ich in rund zwanzig Schneesportlagern Skigruppen geleitet oder begleitet. Diese Sportwochen waren einfach toll, denn sie ermöglichten es, mit Kindern und Jugendlichen – jenseits vom Schulalltag – eine intensive und unvergessliche Woche zu verbringen. 

Damals in meiner Schule stand noch ein eigenes Ferienhaus der Stadt, indem die Lager stattfinden konnten, zur Verfügung. Heute gibt es diese und ähnliche Möglichkeiten nicht mehr, da sie nicht rentabel sind. Schade drum, sind in jenem Lagerhaus doch Generationengeschichten geschrieben worden! Eines Abends kam Alina weinend zu mir, weil der Reissverschluss des Schlafsacks defekt war. Ich fand das nicht so schlimm und versuchte, den Grund des Schmerzes zu ergründen. Es stellte sich heraus, dass es sich um den Schlafsack von Alinas Vater handelte und dass bereits Alinas Vater damit als Kind im selben Lagerhaus in den Ferien gewesen war. Das Skilager und die Geschichten, die dabei entstehen, verbinden Generationen.

Nun aber genug der alten Zeiten, denn eine hervorragende Initiative belebt den Wintersport nun neu. Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz LCH ist dabei! Mit der 2013 lancierten Schneesportinitiative des Schweizer Tourismusverbands, Seilbahnen Schweiz, Swiss Ski, Swiss Snowsports, des Staatssekretariats für Wirtschaft SECO, des Bundesamtes für Sport BASPO und der Kantone sollen Kinder und Jugendliche wieder vermehrt Zugang zum Wintersport erhalten. Schulen können All-Inclusive-Lösungen auf einer Online-Plattform oder mit einem einzigen Telefonanruf zu günstigen Preisen buchen. 57 Destinationen und 112 Unterkünfte stehen zur Verfügung. Die Initiative wird von der bekannten Snowboarderin Tanja Frieden präsidiert. 

Vielleicht ist es für diesen Winter zu spät, aber warum nicht ein Lager planen für 2016. Die Kinder und Jugendlichen werden es ihren Lehrerinnen und Lehrern danken! Und noch etwas: Auch wenn mir die Eltern oft freundlich «schöne Ferien» gewünscht haben, so ist ein Schneesportlager mit Kindern zwar meist ein tolles Erlebnis, jedoch weit entfernt von «Ferien»! Darum ist es wichtig, dass den Lehrpersonen die Lagerleitung als Arbeitszeit angerechnet wird. Dies verlangt der LCH in seinem neuen Berufsauftrag auch so.

Franziska Peterhans, 
Zentralsekretärin LCH, 10. Februar 2015

Gut zu wissen... (Bruno Rupp, 09.12.2014)

Gut zu wissen... (Bruno Rupp, 09.12.2014)

Es ist gut zu wissen, dass praktisch täglich in der Presse über die Schule berichtet wird. Das zeugt von grossem Interesse der Medienschaffenden und der Bildungspolitikerinnen und -politiker an der Institution Schule. Bei der Lektüre stosse ich jedoch auch fast täglich auf erschreckende Begriffe, welche die enormen Leistungen der Lehrpersonen und aller anderen Fachleute im Bildungsbereich in einem düsteren Licht erscheinen lassen. Da wird mir als Leser immer wieder vor Augen geführt, wie viele schreckliche Menschen mit böswilligen Absichten unser Bildungswesen demontieren wollen.


Ich lese beispielsweise von einem «bürokratischen, nicht praxistauglichen Monsterwerk». Gemeint ist damit der Lehrplan 21. Gemäss Duden ist ein Monster ein «furchterregendes, hässliches Fabelwesen, ein Ungeheuer von fantastischer, meist riesenhafter Gestalt». Was müssen die Verfasser demnach für Unmenschen mit destruktiven Absichten sein?

Mir wird auch immer wieder vor Augen geführt, in welch äusserst unangenehmen, bedrohlichen Situation die Lehrerinnen und Lehrer (und wohl auch die Schülerinnen und Schüler) sind: Sie befinden sich gemäss den Schreckensmeldungen in den «Klauen eines bürokratischen Ungeheuers». Sie werden in der Schule, die zur Reparaturwerkstätte verkommen ist, von oben gegängelt. Von Steuerungswahn befallene Menschen hecken Bürokratiemonster aus und regen damit Science-Fiction-Fantasien an. Die pädagogischen Hochschulen sind mit ihrem akademischen Gebrabbel Brutstätten von Bildungsreformen.

Wen wunderts, dass heute ein diffuses Lehrerbild besteht (und wohl auch Lehrerinnenbild, obschon man davon selten liest!) und der Berufsstand am seelischen Abgrund steht.

Bekanntlich ist ja Papier geduldig. Mich erschreckt jedoch, wie unbedacht mit diffamierenden, verletzenden Begriffen in der Öffentlichkeit umgegangen wird. Oder gibt es tatsächlich so viele Menschen, welche willentlich unsere Schule, unser Bildungssystem verschlechtern wollen? Ich habe in meinem Umfeld nach solchen Leuten gesucht... und bin nicht fündig geworden.

Es ist gut zu wissen und auch einigermassen beruhigend, dass ich niemanden kenne, der absichtlich solche destruktiven Ziele verfolgt.

Bruno Rupp, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 9. Dezember 2014

Zeugnis im Kindergarten? (Ruth Fritschi, 18.11.2014)

Zeugnis im Kindergarten? (Ruth Fritschi, 18.11.2014)

Auf Anhieb kann diese Frage Kopfschütteln auslösen. Es geht wahrscheinlich fast jedem von uns so, dass der Begriff «Zeugnis» mit Noten in Verbindung gebracht wird, und gleichzeitig kommt bei vielen ein belastetes Gefühl auf. Genau so erging es den Mitgliedern der LCH-Stufenkommission 4bis8 in der Herbstsitzung.

Die Deutschschweiz verfügt nun über einen gemeinsam erarbeiteten Lehrplan, der zu Handen der Kantone frei gegeben wurde. In der Romandie ist seit 2010 der „plan d`étude romandie“ PER in Kraft. Ein gemeinsamer Lehrplan braucht auch eine Einigung auf eine gemeinsame Beurteilung. Aus der Westschweiz drängen sich folgende Fragen auf: 

  • Soll der Kindergarten in der Zeugnismappe bereits erscheinen?
  • Wird lediglich das Beurteilungs- oder Standortgespräch bestätigt oder werden Beurteilungsinformationen mitgeliefert?

Die Mitglieder der Stufenkommission 4bis8 waren sich bald einig. Der Kindergarten soll offiziell als erste Stufe der Volksschule im Zeugnis erscheinen. In diesem Formular soll das Beurteilungsgespräch bestätigt werden, und die Beteiligten sollen mit der Unterschrift auf dem Formular erscheinen. Weitere Aussagen zur Entwicklung des Kindes gehören aus Sicht der Stufenkommission nicht ins Zeugnis. Beobachten und Beurteilen gehören jedoch in jedem Fall zur Arbeit im Kindergarten und dabei sind Beurteilungs- und Einschätzungsbogen hilfreich. Unsere Umfrage in der Stufenkommission ergab, dass es ganz unterschiedliche Vorgaben gibt und dass sich die Formulare von Gemeinde zu Gemeinde unterscheiden. 

Eine Koordination der Beurteilungsinstrumente und eine abgesprochene Handhabung der Beurteilungsdokumente ist uns wichtig. Wir werden uns in den Gremien der Kantone dafür einsetzen, dass wenn koordiniert wird, der Kindergarten beim Beurteilen mitgedacht wird. Zum Schluss haben wir uns die Frage gestellt, ob die ganze Beurteilung mit einem anderen Begriff als «Zeugnis» weniger belastet daher käme. In einzelnen Kantonen werden bereits folgende Begriffe verwendet: «Dokumentation Laufbahn» oder «Schullaufbahnverordnung». Wir kamen zum Schluss, dass der Begriff «Zeugnis» doch von allen am besten verstanden wird und dass die Diskussion einer koordinierten Beurteilung noch längst nicht abgeschlossen ist.

Ruth Fritschi, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 18. November 2014

Die Perspektiven auf den Lehrberuf (Jürg Brühlmann, 30.09.2014)

Die Perspektiven auf den Lehrberuf (Jürg Brühlmann, 30.09.2014)

Auf die Lehrpersonen kommt es an. John Hattie, Margrit Stamm, die Poltik und die Medien sehen das so. Das hören wir gerne. Aber es ist auch gefährlich, denn damit sind wir an fast allem Schuld, was nicht klappt. 

Wir vertreiben mit unserer Miesmacherei die letzten am Beruf noch interessierten Männer. Wer will da schon lebenslänglich und vollzeitlich Lehrer werden, wenn der LCH immer nur jammert? Überfüllter Lehrplan, fehlende Beurteilungskonzepte und Lehrmittel, überstürzte Integration, kantonale Alleingänge bei den Frühfremdsprachen, nicht mehr konkurrenzfähige Löhne, massive Sparmassnahmen, mehr Absprachen, Tests, Evaluationen und Administration, Gesundheitsprobleme wegen oft belastenden Problemen, hoher Entscheidungsdichte und oft überlangen Arbeitszeiten ohne wirkliche Pausen, unsichere und wechselnde Pensen... 

Warum sprechen wir nicht mehr über die schönen Seiten des Berufs? Die langen Ferien, das Glück mit den Kindern, die grosse Gestaltungsfreiheit, die Arbeitsplatzsicherheit, der hohe Lohn? Wenn wir nur endlich weniger bockten und wollten, es wäre so wenig, was uns das Leben verschönern würde: Etwas mehr Kreativität bei der Integration, ein bisschen mehr Engagement für zwei benotete Frühfremdsprachen, ein paar soziale Kompetenzen zum Zusammenhalten all der Teilzeitkolleginnen in Unterrichtsteams, etwas Bescheidenheit bei den Löhnen, weniger selber gemachte Administration, effizientere Zeitnutzung als Klassenlehrpersonen, etwas weniger Kuschelpädagogik für die Verhaltensauffälligen, mehr gesunden Menschenverstand mit Kampfeltern, etwas mehr Eigeninitiative beim Unterrichten von Fächern für die wir keine Ausbildung haben und wie schon gesagt: generell viel mehr Freude bei den tollen Aufgaben. 

Es gibt verschiedene Perspektiven auf das Thema: Finanzsorgen, Elternsorgen, nationale Sorgen... Wir aber vom LCH sorgen uns um die Lehrpersonen und die Kinder. 

Jürg Brühlmann, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 30. September 2014

Ist der Sprachfrieden bedroht? (Nick Stöckli, 02.09.2014)

Die Diskussion um den Fremdsprachenunterricht an der Primar ist heftig, kontrovers und vielschichtig. Ich formuliere dazu drei Thesen:

 

  • Der Unterricht in einer zweiten Landessprache an der Primar ist unerlässlich.
  • Eine generelle Überlastung mit zwei Fremdsprachen an der Primar existiert nicht.
  • Fremdsprachenunterricht an der Primar ohne genügend Ressourcen verfehlt seinen Zweck.


Ob die Kinder an der Primar eine zweite Landessprache lernen, ist in erster Linie eine staatspolitische Frage. Der Sprachfrieden, den wir in der Schweiz noch kennen, ist, wie das Beispiel Belgien zeigt, sehr schnell bedroht, wenn das Bemühen um dessen Erhalt nachlässt. Aktuell sehen die Romands Anzeichen einer Gefährdung, die Deutschschweizer eher nicht. Da es sich hier um ein Mehrheits-Minderheits-Problem handelt, ist es die Minderheit, die über das entsprechende Sensorium verfügt. Die Romands belegen ihren Eindruck mit Fakten: Die Bedeutung der französischen Sprache hat in der Deutschschweiz während und nach der Schule abgenommen. Erschwerend tritt hinzu: Auch Hochdeutsch ist in der Deutschschweiz auf dem Krebsgang, womit selbst Romands mit guten Deutschkenntnissen erhebliche Verständigungsprobleme erhalten.

Dass einzelne Primar-Kinder mit zwei Fremdsprachen überlastet sind, ist Tatsache. (Auch in Mathematik sind einzelne Kinder überlastet). Diese Kinder benötigen flexible Lösungen. Unsinnig ist allerdings die Annahme, dass diese überlasteten Kinder, wenn sie in die Oberstufe kommen, nun plötzlich in der Lage wären, zwei Fremdsprachen zu bewältigen – notabene während der Pubertät.

Was nicht erst seit der Schaffhauser Untersuchung klar ist: Schlecht gemachter Fremdsprachenunterricht an der Primar bringt wenig bis nichts. Der Primar-Fremdsprachenunterricht muss deshalb besser ressourciert werden, insbesondere sind viel mehr Sprech-Hör-Gelegenheiten zu schaffen. Auch hier gilt: Eine Reform ist nur gut, wenn sie mit ausreichenden Ressourcen unterlegt ist.


Nick Stöckli, Geschäftsleitungsmitglied LCH, 2. September 2014

top
# #